Nachlese: Erster #Weltraumkongress des BDI

(veröffentlicht auf: https://www.raumfahrer.net/news/raumfahrt/25102019062641.shtml am 25.10.2019)

Erster #Weltraumkongress des BDI am 18. Oktober 2019 – Raumfahrer.net war dabei – Eine Reflexion.

Der #Weltraumkongress des Bundesverbandes der Deutschen Industrie e.V. (BDI) ist nun schon einige Tage her. Und noch immer rauscht es nach in den sozialen Netzwerken und in der Presse. Mit etwas zeitlichen Abstand scheint es nicht verkehrt, das Erlebte zu reflektieren, ohne den Anspruch auf allumfassende Vollständigkeit und Themenwertung zu erheben.

Voraus geschickt sei die Bemerkung, dass wir uns sehr gefreut haben, vom BDI die Möglichkeit der Teilnahme erhalten zu haben. Sie war nicht an irgendwelche Vorbedingungen geknüpft.

Das „Vorprogramm“
Die Veranstaltung im Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin war die erste ihrer Art. Zur Einstimmung fand im großen Konferenzsaal eine Veranstaltung mit Astronaut Matthias Maurer mit vielen, vielen Kindern statt. Hier wurde also auf das technisch interessierte Publikum von morgen gesetzt, was wir als ausgesprochen sinnvoll betrachten.
Parallel dazu lief eine Kurz-Vortragsrunde mit verschiedenen Startups. Hier und auch später in der Hauptveranstaltung war es durchaus interessant, die Zwischentöne zu hören und zu interpretieren, wahrzunehmen, was gesagt wurde, und auch, was nicht gesagt wurde.

Wieder einmal PTScientists/PTS
Die Gechichte von PTScientists/PTS verfolgen wir schon einige Jahre. Daher waren wir auf den Vortrag von Herrn Robert Böhme sehr gespannt. Der Gründer von PTScientists berichtete vom vorhandenen Potential und vom Zukunftsmarkt Mond. Andreas Schepers, ehemaliger Kommunikator bei PTScientists, konnten wir trotz Ankündigung im Programm nicht entdecken. Hinter Böhme prunkte ein Aufsteller mit dem Logo von „PTS – A Company of ZEITFRACHT“. Nun scheinen PTScientists und PTS (Planetary Transportation Systems) laut Handelsregister zwei verschiedene Firmen mit unterschiedlichen Geschäftsführern und Geschäftssitzen zu sein, wobei sich erstere in Liquidation (9. August 2019) befindet. Böhme schien zu versuchen, den Eindruck zu erwecken, dass es sich nur um eine Namensänderung handelte. 40 Mitarbeiter arbeiteten nach seiner Aussage bei PTS. Bei PTScientists wurde meist von 60-70 Mitarbeitern gesprochen. Vom ursprünglichen Missionsziel des Erstfluges, die Landestelle von Apollo 17 zu besuchen, war keine Rede mehr. Stattdessen meinte Böhme wörtlich, man habe „in den letzten Jahren vier Raumschiffe entwickelt.“ Man sehe außerdem einen Schwerpunkt des Unternehmens in der Entwicklung von weltraumgehärteter Elektronik. Wo diese bereits eingesetzt wurde oder wird, ließ Böhme offen.
Die Zeit für Fragen war sehr kurz gehalten. Auf die Frage nach einem für einen Nutzlasttransport zahlenden Kunden nannte Böhme den Uhrenhersteller OMEGA, der mechanische Uhrwerke unter Mondbedingungen für künftige Astronauten testen wolle. Hört sich gut an, allerdings ist zu vermuten, dass OMEGA nicht die ganze Mission bezahlt, sondern nur den kg-Preis für die Fracht zum Mond. Welche Masse wird wohl eine in Frage kommende Uhrenladung nebst mitfliegender Testumgebung besitzen? Ohne näher darauf einzugehen erwähnte Böhme #MissiontotheMoon. Man solle mal im Internet nachschauen, meinte er. Alles in Allem hinterließ das ehemalige Leuchtturm-Vorzeigeunternehmen der Raumfahrt-Startup-Szene keinen übermäßig durchschlagenden Eindruck. Begeisterungsstürme gab es keine. Einmal im Laufe des Tages flackerte das Thema PTS noch einmal ganz kurz auf. Auf seiner letzten Folie seines Vortrages zum Thema Autonomes Fahren hatte Miklos Kiss von AUDI wie durch Zufall ein Bild vom PTS-Rover, obwohl er eine Zusammenarbeit vorher mit keiner Silbe erwähnt hatte. Und genau diese Folie wurde dann getwittert. „Gutes Marketing!“ mag man da nur staunend sagen.

Die Hauptveranstaltung
Eröffnet wurde von BDI-Präsident Prof. Dieter Kempf mit einer Grundsatzrede. Kempf bewies dabei viel Humor und literarische Kenntnis. Er stand mit einem Handtuch am Rednerpult, einem Verweis auf den Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ des britischen Schriftstellers Douglas Adams. Ohne besagtes Handtuch könne man nicht durch das Weltall reisen und überhaupt gehöre der Schriftsteller Douglas Adams zu den „guten“ Engländern. Der Seitenhieb auf den Brexit war nicht zu überhören.

Ein Deutscher Weltraumbahnhof?
In seiner Rede forderte Kempf unter anderem die Schaffung eines „Deutschen Weltraumbahnhofes“. Denn man kenne sich in Deutschland mit Bahnhöfen und Flughäfen aus. Da würde man auch das hinbekommen. Das Gelächter war eher gequält. Man erinnerte sich offensichtlich an Stuttgart21, den BER und fürchtete vielleicht einen möglichen SpacePort22. Nichts desto trotz wurde die später mehrfach wiederholte Forderung nach einem „Deutschen Weltraumbahnhof“ von der Presse aufgegriffen. In der Presse spekuliert man seitdem munter darauf los, wo dieser entstehen könne. Dabei wird der Eindruck erweckt, man könne in Deutschland Raketen, wie in Kourou, Cape Canaveral oder Baikonur starten. Genau dieses ist aber hochgradig anzuzweifeln.
Der BDI hat im Verlauf der Veranstaltung nicht konkretisiert, welche Örtlichkeit er sich für einen Deutschen Weltraumbahnhof vorstellen könnte. Ein Startplatz für Micro-Launcher? Dass die Idee nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, zeigt die Diskussion um eine eventuelle Nachnutzung des Flugplatzes Rostock-Laage nach der Pleite der Germania-Airlines. Angeblich befasst sich die Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern schon damit.
(Selbst wir hatten (allerdings als Aprilscherz) auf den Braunkohletagebau Welzow bei Spremberg im Süden von Brandenburg zur Raumfahrtumnutzung hingewiesen.)
Andere haben den ehemaligen Flugplatz Nordholz südlich von Cuxhaven im Visier. Wenn man sich die dortige Lage mit der angrenzenden Nordsee ansieht, könnte man ins Grübeln kommen. Laut ARD ist dort bereits OHB aktiv. OHB sitzt bekanntlich in Bremen und arbeitet an neuen Startsystemen. Würde passen, könnte man meinen.
Man darf also gespannt sein, was jetzt an ernstzunehmenden Gedanken auf den Tisch kommt. Der anwesende Bundeswirtschaftsminister Altmaier fand die Idee jedenfalls prima, ohne zu verraten, was er darunter verstehen würde.

Bundeswirtschaftsminister Altmaier …
… war der Hauptgastredner der Veranstaltung. Zunächst wurde ihm von BDI-Chef Kempf die „Berliner Weltraumerklärung“ in einem großen Bilderrahmen übergeben. Seine Bemerkung bei der Übergabe, er habe schon zwei derartige Sachen im Büro an der Wand hängen, ließ an der Ernsthaftigkeit einer Inhaltsprüfung zweifeln. Aber alle Anwesenden fanden den flotten Spruch toll und lachten wohlwollend.

Altmaier selber entwickelte in seiner dann folgenden Rede eine mitreißende Dynamik. Er finde Raumfahrt toll! Punkt! Da müsse man was machen! Und man wird darüber reden. Und Herr Thomas Jarzombek, Koordinator für Luft- und Raumfahrt der Bundesregierung, der auch im Saal war, werde ihm berichten. „Wow!“ wollte man am Ende rufen. Das ging los! Jetzt geht die Post ab! Aufbruchstimmung! Alle Probleme sind beim Minister angekommen und der macht jetzt was …! Folgerichtig schrieb BILD-online von ALLmaier und zeigte den Minister im Raumanzug in einer Pose zwischen Superman und Alex Gerst. Wir selber waren auch sehr beeindruckt. Hätte man uns aber eine halbe Stunde später gefragt, was der Herr Minister jetzt konkret zugesagt habe und bewegen wolle, wir hätten keine Antwort gewusst.

Die erste deutsche Frau im Weltraum
Ja, auch das war ein Thema, wenn auch kein in der Agenda extra aufgeführtes. Man sprach darüber, dass es das Beste wäre, wenn sich potentielle Kandidatinnen dem „normalen“ ESA-Auswahlverfahren und dem Gang durch die Institutionen stellen würden. Kommenden Jahres sei wieder ein Einstieg möglich.
Natürlich wünsche man allen viel Glück. Eine explizite Unterstützung der Privat-Initiative „Die Astronautin“ wurde nicht erwähnt. Frau Kessler von der gleichnamigen Initiative war übrigens nicht anwesend. Sie twitterte allerdings, dass Minister Altmaier meine, „Die Astronautin“ solle man mit Matthias Maurer besprechen. Woher dieser Eindruck kommt? So haben wir den Herrn Minister jedenfalls nicht verstanden.
Bemerkenswert war eine Aussage von Moderatorin Céline Flores Willers: Am wichtigsten wäre, dass die Person, die es macht, sich damit auskennen sollte. Ob es ein Mann oder eine Frau ist, sei an dieser Stelle egal.

ESA und das DLR
Die ESA erschien in Form einer Video-Grußbotschaft von ESA-Chef Wörner auf der Leinwand. Damit war diese wichtige europäische Komponente auch vertreten. Wir hätten uns gefreut, wenn von Seiten des DLR auch solch ein eindeutiges verbales Zeichen gesetzt worden wäre. Es ging ja im Speziellen um die Deutsche Raumfahrt. Aber Frau Ehrenfreund war nicht präsent. Schade!

Wem gehört der Mond?
In der letzten Bühnendiskussionsrunde ging es zur Sache. Während der angereiste Gast aus Luxemburg zunächst für seine Vertragspolitik hinsichtlich der Rohstoffausbeutung, hier speziell auf dem Mond, allseits als Vorbild für Deutschland gelobt wurde, platzte Rechtsanwalt Prof. Dr. Stephan Hobe dann doch der Kragen und die Stimmung kippte. Man solle bitteschön mal den Weltraumvertrag von 1967 genau lesen. Und dann solle man den Mondvertrag von 1979 lesen. Da wäre fast alles geregelt. Strittige Fragen seien vor der UNO zu klären.

Das erinnerte uns an die Aussagen von Alexander Soucek, der als Spezialist für Weltraumrecht und ESA-Mitarbeiter genau dieses Thema bei der UNO in Wien bearbeitet. Soucek, auch Mitglied im Österreichischen Weltraumforum ÖWF, ist bekannt durch seine Auftritte zur YurisNight in Wien und zu den Neubrandenburger Raumfahrttagen. Hier wusste er schon mehrmals zu berichten, wie kompliziert die Materie ist und wie die einzelnen Interessenvertreter ringen.
Das Thema wird (nicht nur) uns auf jeden Fall noch weiter beschäftigen.

Fazit?
Die Beteiligten von Seiten der Industrie waren sich einig: Der Staat müsse mehr in Raumfahrt investieren. Genannt wurde dabei eine Investitionshöhe, die der Frankreichs entspräche. Auch fordere die Industrie bessere rechtliche Rahmenbedingungen in Form eines Weltraumgesetzes. Dem widersprach Jarzombek, der so ein Gesetz eher hinderlich und bremsend sähe. Die bestehenden rechtlichen Grundlagen würden ausreichen. Der Forderung nach mehr staatlicher Unterstützung widersprach auch indirekt Herr Marco Fuchs von OHB. In seinem Vortrag zeigte er sich zuversichtlich, dass „..der Markt es schon richten würde und sich selbst sortiert“. Damit waren insbesondere die vielen Startups gemeint, wo sich die Besten dann durchsetzen sollen.
Also bitte mehr Geld vom Staat und rechtliche Rahmenbedingungen bei gleichzeitiger freier Hand für die Kräfte des Marktes ohne gesetzliche Einschränkungen. Ob das so funktionieren kann?

Kunden im Downstream der Weltraumindustrie
Es herrschte Konsens, dass das Gros der eigentlichen Kunden der Weltraumindustrie nicht vertreten war. Einem Weltraumkongress stünde das jedoch gut zu Gesicht. Allein Forschungsprojekte, die durch den Staat finanziert werden, brächten die Raumfahrtindustrie nicht voran.
Man bräuchte mehr Öffentlichkeit, um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen. Nur wenn diese Akzeptanz erhöht werde, könne der Staat auch mehr finanzielle Mittel für die Projekte der Industrie bereitstellen.

Wir meinen: Es wäre schön, wenn man beim nächsten Kongress die Öffentlichkeit schon in einer Vorbereitungsphase mit einbindet, und nicht nur Anbieter von Raumfahrttechnik, Infrastruktur und Dienstleistungen vorstellt, sondern auch deren Nutzer.

Eventuell könnte man so besser berücksichtigen, was die Öffentlichkeit interessiert.
Die zentrale Frage ist: Wem nutzt die Raumfahrt?
Was ist mit Energieversorgern und Schafhirten? Was ist mit Förstern und Containerverschiffern? Was ist mit Gleisbauarbeitern und Wettervorhersagern? Was wäre, wenn einige aus dem Kreis der Nutzer, an die man vielleicht nicht ohne weiteres denkt, auf einem neuen Kongress direkt berichten würden? Was bringt Raumfahrt für sie als Endnutzer und was könnte man mit Raumfahrt noch anstellen? Wir haben Firmen-Beiträge auf dem Kongress gehört, die sich mit Auswertung von Satellitendaten beschäftigen. Was sagen tatsächliche und mögliche Endbenutzer dazu?
Die Präsentationen der großen Player sind für die Öffentlichkeit möglicherweise bereits langsam langweilig geworden. Jedenfalls wäre es spannend zu erfahren, wen und was es da noch so gibt.
Und natürlich ist ganz wichtig, wie „die Politik“ das alles unterstützt. Auf dem #Weltraumkongress hat sie ja schon einmal „Viel Erfolg!“ gewünscht. Jetzt sollte der nächste Schritt – vielleicht ein nachhaltiger – erfolgen. Der nächste #Weltraumkongress soll in zwei Jahren stattfinden …

… und wir?
Raumfahrer.net hat sich der Förderung und Verbreitung des Raumfahrtgedankens verschrieben. Insofern sehen wir uns hier in unserem Handeln bestätigt und werden den vom BDI angeschobenen Prozess gerne nicht nur begleiten, sondern auch unterstützen.

Zum Schluss eine Aussage im sozialen Netz von Moderatorin Céline Flores Willers: „Bin sehr sehr begeistert vom Thema #Raumfahrt und geplättet von den ungenutzten Potenzialen.“ Ja, geplättet waren wir auch. Das mit den ungenutzten Potentialen wussten wir aber schon …

Veröffentlicht Oktober 25, 2019 von freundederraumfahrt in Information, Technik und Projekte

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