ILA – Wohin fliegst Du ?

Der Text wurde ursprünglich für RAUMFAHRER.NET geschrieben, dann mehrmals umgearbeitet, aber aus unterschiedlichen Gründen nicht veröffentlicht. Hauptgrund war: Er war nicht mehr zeitlich aktuell.

Kommentar und Nachlese zur ILA 2016 von Andreas Weise

Es war ein Erfolg auf der ganzen Linie: „Die ILA Berlin Air Show 2016 hat sich mit zahlreichen Innovationen und Zukunftstechnologien als Leistungsschau für alle Geschäftsfelder der globalen Aerospace-Industrie präsentiert. 1.017 Aussteller aus 37 Ländern zeigten vom 1. bis 4. Juni 2016 ein breites Spektrum ihrer aktuellen High Tech-Produkte sowie Forschungs- und Entwicklungsprojekte. Insgesamt 150.000 Fach- und Privatbesucher strömten an den vier Veranstaltungstagen auf das 250.000 Quadratmeter große Berlin ExpoCenter Airport. Rund 200 Fluggeräte wurden im Flugprogramm und auf dem Freigelände vorgestellt. Der Fachwelt boten rund 50 Kongresse und Tagungen aktuelles Branchenwissen. Digitalisierung und 3D-Druck, Industrie 4.0 und Ökoeffizienz waren nur einige der Konferenzschwerpunkte. Das neue Future Lab am Stand des Bundeswirtschaftsministeriums ermöglichte mit vielen High Tech-Produkten einen Blick in die technologische Zukunft der Aerospace-Industrie. Auf dem erstmals durchgeführten Startup Day stellten 50 junge Unternehmen ihre kreativen Ideen und Geschäftsmodelle vor, die später einmal die Aerospace-Industrie bereichern könnten.“ …
Und der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie e.V. (BDLI) Volker Thurm wird zitiert: „Die vergangenen vier Tage haben deutlich gezeigt, dass die ILA 2016 Synonym für Innovation and Leadership in Aerospace ist. Sie hat gezielt richtungsweisende Themen unserer global aufgestellten Branche aufgegriffen wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung, 3D-Druck oder Industrie 4.0. Diese Zukunftsfelder haben in den vergangenen Tagen entscheidende Impulse erhalten, auf die unsere Industrie zurückgreifen wird bei der Umsetzung von Innovationen in Produkte der Spitzentechnologie. Eine besondere Freude ist mir auch das ausschließlich positive Feedback unserer Aussteller aus der ganzen Welt. Das vielfältige Flugprogramm hat die Faszination unserer Produkte eindrucksvoll präsentiert.“ …
So ist es zu lesen in der abschließenden Pressemitteilung der Veranstalter der diesjährigen Luft- und Raumfahrtschau in Berlin-Schönefeld. Und so wurde es von vielen Presseorganen einfach übernommen. Nun mag das genannte inhaltlich alles richtig sein.
Wie aber stellt sich die Angelegenheit für jemanden dar, der keinen Platz im Big Business hat? Wie hat sich die Veranstaltung dem interessierten Bürger ohne Fachbesucher-Motive präsentiert?

Zunächst: So optimistisch, wie die Veranstaltung dargestellt wurde, fand ich das gar nicht.
Die ILA-Zahlen kann man auch einmal anders lesen: 77.000 Besucher kamen weniger. Das sind ein Drittel im Vergleich zu 2014. Das mag daran gelegen haben, das die Veranstaltung um ganze zwei Tage gekürzt wurde.
Rund 200 Aussteller kamen weniger als 2014. Ein Minus von 15 Prozent.
Die Publikumstage wurden auf Freitag und Samstag komprimiert. Freitag muss der normale Mensch bekanntlich arbeiten und Samstag ist der Tag, an dem alle kommen. Der Sonntag fiel als Besuchertag ganz weg. Hitze und grandioses Gedränge waren allgegenwärtig.
Dafür gab es für das Fachpublikum, und nur für dieses, rund 50 Kongresse und Tagungen.
Die ILA speckt ab und versucht sich zu optimieren. Die Gefahr besteht, dass sie zur reinen Messe für Geschäftsleute und Fachbesucher mutiert. Die breite Öffentlichkeit wird dezent ausgeladen, in dem man den Zugang verkürzt. Genau genommen hätte man die Schau auch in die Messehallen am Funkturm auslagern können. Die Menschen, die sich das wenige neue Fluggerät ansehen wollten, hätten dann per VIP-Bus auch nach Tegel fahren können.

Vorbei also die Zeiten, wo in Berlin ein starke Briese von Volksfest über das Flugfeld wehte. Jetzt war es nicht mal mehr ein Lüftchen. Die Ausstellung scheint nur noch als Alibi-Veranstaltung für den Steuern? zu fungieren – Satz?. Viel Mühe hatte man sich nicht gegeben, den Souverän, der die ganze Angelegenheit am Schluss bezahlt, bei Laune zu halten.

Zu sehen gab es in Vergleich zu vergangenen Jahren wenig! Zugegeben: A320neo und A350 machten schon Eindruck. Ebenso der Weltmeister-Jumbo von Lufthansa. Aber wurde das einer Luftfahrtmesse gerecht? Wohl kaum. Größter Aussteller war die Bundeswehr. Man könnte glauben, es handelte sich um eine großangelegte Werbekampange des Verteidigungsministeriums. Eurofighter, A400M-Transporter, die Oma aller Transportflugzeuge Transall C-160 und die gute alte E3A Sentry aus Geilenkirchen mit den musealen, soundstarken Pat&Whitney-Triebwerken /Herstellername?/ waren da. Der marine(un)tauglichen Superhubschrauber NH90 hatte man vorsichtshalber gar nicht gezeigt. Ebenso das grandios gescheiterte Drohnen-Projekt. Die US-Luftwaffe war wie immer präsent. B1-Bomber und C17-Transporter zeigten Flagge. Zum Publikumstag kam dann noch eine B52 (eine über 60 Jahre alte Konstruktion!) extra aus England zu einem Überflug vorbei. Für etwas jüngere Leser: Dieser Typ errang Ende der 60er Jahre (!) traurige Berühmtheit durch die Flächenbombardements gegen die Zivilbevölkerung im Vietnamkrieg. Eindrucksvoll anzuschauen, aber was sollte das ? Wollte man damit ausdrücken, das wir in puncto Sicherheit ruhig schlafen können? Ich würde da eher unruhig werden.

Die Russen … waren mit keinem Fluggerät anwesend. Nicht einmal der Riesenvogel AN-124, den man regelmäßig auf dem Flughafen Leipzig bewundern kann, zeigte sich hier. Leider setzt sich der negative Trend seit Le Bourget 2015 fort: Jeder fliegt für sich allein. Die Franzosen waren übrigens auch nicht da. Zumindest habe ich nichts gesehen. Dafür flogen die Polen mit einer betagten MiG-29, die aus ehemaligen Beständen der DDR-Luftwaffe stammen könnte, Kunst. Die Bundesluftwaffe hatte seinerzeit ihre MiG-29 für einen Euro pro Stück an den NATO-Partner Polen verkauft. Und der polnische MiG-Pilot zeigte wirklich tolle Flugfiguren.

Für mich gab es einen einzigen Lichtblick auf der Freifläche, von den Airbussen mal abgesehen. Die Ukraine zeigte ihr neues Transportflugzeug AN-178. Dieses war bereits in Le Bourget letztes Jahr präsentiert worden. Der Hersteller Antonow kämpft um sein Überleben, nachdem der Hauptkunde Russland über Nacht weggebrochen war. Es ist zu wünschen, dass diesem Flugzeug eine bessere Zukunft beschert ist, als der innovativen, aber in elend langen Raten gestorbenen AN-70. Vielleicht findet sich ein NATO-Abnehmer, der das mit der wirtschaftlichen Unterstützung für die Ukraine auch ernst meint.

Apropos kaufen: Wer in den Massen-Medien nach Zahlen sucht, die einem sonst bei den letzten Veranstaltungen gerade zu um die Ohren gehauen wurden, wird enttäuscht. Superlative, wie Millionen-Euro-Verkaufszahlen oder Projektabschlüsse: Fehlanzeige.
Da ist dieses Mal fast Funkstille. Vielleicht möchte man sich auch nicht in die Karten schauen lassen. Und das ganze fand auf dem Gelände und vor der Kulisse des Flughafens BER statt, der weit über die Grenzen von Berlin und Deutschland als Inbegriff für Unvermögen steht.

Die ILA erfindet sich also neu. Weg von der Schau für Jedermann und hin zu einer elitären Fach- und Wirtschaftskongress-Messe. Sie verschlankt sich. Hoffentlich schrumpft sie sich dabei nicht zu Tode. Deutschlands große Luft-und Raumfahrtschau gibt sich in Sachen breites Publikum geschlagen. Fazit: Wer Flugzeuge und Luftfahrt-Aktion erleben will, der muss nach Paris, nach Le Bourget. Oder man fährt über London nach Farnborough zur dortigen Luftfahrtschau. Dort wird man in wenigen Wochen erleben können, wie man einen echten Publikumsmagneten präsentiert. Dort gehen die Aussteller- und Besucherzahlen vermutlich weiter nach oben. Ich bin gespannt.

Ein Geheimtipp ist auch die MAKS bei Moskau. Hier steppt der Bär, wie der Berliner sagen würde. Wenn auch nur der russische Bär. Aber da ist was los. Wie geradezu provinziell kommt da die Berliner ILA daher. Eigentlich sehr schade. Vielleicht sollte die ILA darüber nachdenken, Berlin zu verlassen. Ein neuer Standort mit einem neuen Konzept könnte frischen Wind bringen. Ich könnte mir dabei Leipzig mit seinem Flughafen und der anliegenden Messe durchaus vorstellen. Kompetenz und der entsprechende Wille sind dort bestimmt vorhanden. Und der Flughafen Halle/Leipzig funktioniert im Gegensatz zu Berlin.

Zur nächsten ILA ist der Berliner Flughafen BER hoffentlich in Betrieb. Dann wird es eng. In den südlichen Nachbargemeinden formiert sich schon der Widerstand gegen eine mögliche dritte Startbahn. Keine guten Zukunftsaussichten also in Berlin/Brandenburg.
Aber…. wir werden sehen. Vielleicht wird auch alles gut…. . Vielleicht! Ich lebe nun mal hier. Ich fühle mich als Berliner…. und deshalb macht mich diese allgemeine Entwicklung sehr traurig
.
Am Schluss noch etwas Versöhnliches: Im Gegensatz zum allgemeinen Trend der ILA konnte die Rubrik „Raumfahrt“ ihr Niveau halten. Im Raumfahrtpavillon war eine angemessene Leistungsschau der deutschen Raumfahrtindustrie. Es gab vieles zu sehen. Von „A“ wie Ariane 6 bis „Z“ wie Zukunftsprojekte. In Sachen bemannte Raumfahrt ließ man die Damen hoch leben, die sich für einen Tätigkeit als Astronaut beworben hatten. Da scheint Bewegung in die Problematik „Erste deutsche Raumfahrerin“ zu kommen. Man erinnere sich. Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde die Immobilienkauffrau Sonja Rohde mit reichlich Vorschusslorbeeren in der Presse gefeiert. Die Dame hatte einen der vordersten Startplätze in Richard Bransons Spaceship Two für einen touristischen Suborbitalflug gebucht. Nach dem Absturz des Prototyps ist es jedoch ruhig um das Projekt geworden. Die Frauen, die jetzt auf der ILA-Bühne standen, haben vielleicht nicht das nötige Kleingeld, meinen es aber mit dem „richtigen“Raumflug bestimmt ernst. Pascale Ehrenfreund, Chefin des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), war bei der Vorstellung anwesend. Übrigens ließ Frau Ehrenfreund es sich nicht nehmen, auch über den Stand des DLR hinaus zu schauen. Das private Mondlandeprojekt der Firma Part-Time Scientists (unterstützt von Audi) war ja gleich nebenan. Ein Projekt, was bestimmt noch etwas detaillierte Betrachtung hier erfahren sollte und wird.
Vom Ariane-6-Projekt kündete am Eingang eine riesige Modellrakete. Irgendwie erinnerte mich diese Skulptur an eine russische Proton-Rakete. Wobei man schnell bei der Frage war: Was ist eigentlich außer bei ESA, DLR, Airbus, OHB und Arianespace noch los? Roskosmos hatte wie immer einen schön anzusehenden großen Ausstellungs-Stand. Aber: Zu sehen gab es aber sehr wenig. Man beschränkte sich auf die bloße Anwesenheit, um den Gesprächsfaden mit den deutschen Partnern nicht ganz zu kappen. Eigentlich sehr enttäuschend. Die politische Situation ist seit der letzten ILA unverändert angespannt. Es bleibt zu hoffen, das die Kontakte und die Zusammenarbeit – wenn schon nicht im hellen Schein der Öffentlichkeit, so doch zu mindestens im etwas Verborgenen – weiter existieren. Sicher wird Alexander Gerst bald wieder in den Mittelpunkt es Interesses rücken und mit ihm die deutsch-russische Zusammenarbeit.

Fazit: Trotz aller Nörgeleien über die ILA im allgemeinen ist die Raumfahrthalle für das normale Publikum eine beständige und konstante Größe.
Nach der ILA ist vor der ILA. Egal, wo sie stattfinden wird. Es bleibt zu hoffen, dass die Veranstalter bei aller Liebe zu den Wünschen der Aussteller auf Intimität auch das breite Publikum nicht vergessen. Farnborough, Le Bourget und die MAKS machen es vor.

Ergänzender Link zur ILA-Pressemitteilung.
http://www.ila-berlin.de/ila2016/presse/presse_volltext.cfm?id_nr=122

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Veröffentlicht Juni 13, 2016 von freundederraumfahrt in Kolumnen

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