GRAVITY – Ein Film zwischen Traum und Alptraum

(von Andreas Weise, veröffentlicht in RaumfahrtConcret 79/80 4/5/2013)

Als wir in RaumfahrtConcret, Heft 77, den Film GRAVITY ankündigten, war es bereits zu erahnen, dass hier etwas ganz Großes auf uns zu rollt.
Die Produktionskosten des Streifens betrugen 80-Millionen-Dollar. Heutige Quellen gehen sogar von 100 Millionen Dollar aus. Bis Anfang November waren bereits weltweit über 420 Milionen Dollar eingespielt und ein Ende ist nicht abzusehen.
Ein gutes Geschäft also.

Selten gibt es einen Film, der so ein breites Medienecho bewirkt hat. Die Fachpresse aus Kino und Raumfahrt, große und wichtige Tageszeitungen, Nachrichtenmagazine, sogar die Regenbogenpresse, Fast-Food-Zeitungen, unzähliche Online-Magazine und Foren im Internet – sie alle diskutieren über diesen Film.

Spiegel.de: Der nächste Science-Fiction-Klassiker
BILD.de: Das ist alles falsch an „Gravity“
Süddeutsche.de: Die seltsame Physik Hollywoods
BUNTE.de: „Gravity“ war wie eine Wiedergeburt
SUPERillu.de: Allein im Weltall!
FAZ: 2013 – Defilee im Weltall
Berliner-Zeitung.de: Weltall, Erde, Mensch
welt.de: Sandra Bullocks Leid im kalten Weltraum
Frankfurter Rundschau: «Gravity» bleibt in den Kinos Spitze

Auch echte Astronauten melden sich zu Wort. So zum Beispiel Professor Ulrich Walter im SIEGEL oder Mark Kelly in der Washington Post. Hollywood-Regissieur James Cameron (Avatar) ist begeistert: Der beste Weltraumfilm aller Zeiten! Bekannte und unbekannte Wissenschaftler geben Stellungnahmen ab. Dabei ist allen eins gemeinsamem: Es geht offensichtlich eine medienübergreifende Faszination von diesem Film aus.
Der Kinobesucher selbst zeigt seine Meinung an der Kinokasse. Nach sechs Wochen in Deutschland 1,2 Millionen Zuschauer! Das ist erst einmal zu toppen.

Inzwischen sind einige Zeit nach dem Kinostart am 3. Oktober vergangen.
Genügend Abstand also zu den ersten Kommentaren und Rezensionen. Es lohnt sich, eine bisherige Bilanz für diesen Streifen aus der Sicht des speziell raumfahrtinteressierten und raumfahrtkundigen Publikums zu ziehen.

Worin ist nun der Erfolg dieses Streifens begründet? An der Story? Der Raumfahrtpublizist Eugen Reichel beschreibt in seiner Rezension in der-orion.com den Filminhalt mit über 2000 Wörtern. Und das ist alles sehr phantastisch gut geschrieben!
Wikipedia benötigt ca. 1080 Wörter.
Ich selber denke, man könnte es auch kompakter mit nur ca. 80 Wörtern bringen:
NASA-Besatzung repariert Hubble-Teleskope. Russischer Satellit wird (vermutlich durch die Russen selbst) zerstört und löst eine Trümmerwolke aus. Shuttle und Hubblel werden zerstört. Es gibt zwei Überlebende im All, den Weltraumveteran Kowaksky und die Missionsspezialisten Stone. Beide fliegen zur ISS. Kowalski opfert sich. ISS wird durch Trümmerwolke zerstört. Stone fliegt mit defekter Sojus zur chinesischen Raumstation. Der Lebensmut verlässt sie. Sie findet ihn wieder. Umstieg in ein chinesische Raumschiff. Chinesische Station wird zerstört. Stone landet auf der Erde. Ende.

Wie geschrieben, wird hier sehr viel „zerstört“. Somit reiht sich GRAVITY in die Kino-Bolckbuster ein, die glauben, einen Erfolg an der Kinokasse nur mit apocalyptischen Bildern erzielen zu können. Doch wäre das nicht zu einfach gesehen? Findet der Zuschauer den Film toll, bloss weil eine Orgie der Zerstörung periodisch auf ihn einprasselt? An der zu gradlinigen und nicht gerade von Einfallsreichtum und dramatischen Wendepunkten geprägten Story kann es wohl nicht gelegen haben, dass der Film so ein Kracher an der Kinokasse ist.

Vielleicht an den Schauspielern?
Georg Clooney lässt zwar die Herzen der Frauen höher schlagen, kann aber die total überzogene und klischeehafte Figur des Weltraumveteran Kowalsky nicht retten. Sei es beim herum kurven wie eine Hummel um die Blume mit dem Jetpack im Weltraum, die Suche nach dem russischen Wodka oder seine flachen Sprüche, die selbst die Bodenstation langweilen. Ebenso die heroische Opferszene, in der er den Freitod wählt, läßt Erinnerungen an uralte, schon hundet Mal gesehene Fimsequenzen aufkommen. „Ich schau dir in die Augen , Kleines…!“ Möge man denken. Schon einmal hatte Clooney den Raumanzug angezogen. 2002 spielte er die Hauptrolle in der längst vergessenen Zweitverfilmung des Stanislav Lem Romans SOLARIS. Der Film brachte nicht den Erfolg. Und ausgerechnet der jetzt des Lobes volle James Cameron war damals der Co-Produzent.
Und Sandra Bullock? Bullock spielt Ihre Rolle als ums Überleben kämpfende Astronauten sehr überzeugend. Angst, Panik, Überlebenswille – all das kommt überzeugend herüber. Außerdem trägt sie den Film als One-Woman-Show über weite Strecken allein. Ob es für den Oscar reicht, wird sich zeigen.
Die einfache Story gibt nun mal nicht viel mehr her.
Zu dem fast Zwei-Personen-Stück gesellt sich in der US-Version als kleine Zugabe die Stimme von Ed Harris als Mission- Control. Eine kleine Omage an den Klassiker Apollo-13, wo er als Flugleiter Gene Kranz brillierte. Nein, an den Schauspielern kann der zweifelos eingetretene Riesenerfolg es Films allein nicht liegen.

Vielmehr sind es die Bilder, die uns Regisseur Alfonso Cuarón
geradezu hypnotisch aufzwingt.
Die Umsetzung der Weltraumszenerie ist grandios und überwältigend. Hier werden alle technischen Möglichkeiten des 3D-Films bis an ihre Grenzen voll ausgereizt. Die beste Wirkung entfalten die Bilder auf einer wirklich großen Kinoleinwand. Die gigantischen Bilder der Eröffnungsszene und der ersten 10 Minuten Film sind in ihrer Wirkung vergleichbar mit dem für damalige Verhältnisse geradezu umwerfenden Erdanblick aus der Umlaufbahn in Kubrick’s 2001 aus dem Jahre 1968.

Die Kulissen zeugen von eine absoluten Liebe zum Detail. Es macht hier eine riesige Freude, mit den Augen auf Entdeckungsreise zu gehen. Es ist eigentlich fast alles da. So erinnert das Innere der russischen Schleuse stark an Bilder aus der alten Raumstation MIR und die Steuerhebel der Sojus haben sogar die Handballenaufleger, um nur zwei Beispiele zu nennen. Der Wiedererkennungswert ist auf alle Fälle gegeben. Konstruktive Änderungen, die aus dramaturgischen Gründen notwendig sind, übersieht der Betrachter. Man hat den Eindruck, die Kulissenbauer hätten sich unzählige Bilder der realen Raumfahrtzeuge angesehen und danach nachgebaut. Allerdings erkennt man auch, das hier so manches nachempfunden wurde, ohne zu wissen, wozu es gut ist. Die Oberfläche der Raumanzüge und die Szenerie scheinen zu großen Teilen am Computer entstanden zu sein. Das verleitet natürlich zu so manchenchen physikalisch-unrealistischen Spielchen. Überhaupt scheinen so manche Physikalische Regeln in GRAVITY komplett außer Kraft gesetzt zu werden. Aber das würde schon einen eigenen Artikel füllen: „Die (Un-)Physik von GRAVITY“. Ron Howard hatte seinerzeit für seinen Film APOLLO-13 das Set für die Schwerelosigkeitsszenen mühevoll in dem Zero-G-Flieger der NASA für das Schwerelosigkeitstraining eingebaurt. Er erziehlte damit unglaublich realistische Effekte. Bei GRAVITY war so etwas nicht möglich auf Grund der Weite des Szenenbildes. Und eins muß man den Machern von GRAVITY auch zugestehen: Wären die Szenen orginal realistisch, wie Technik und Physik es vorgeben, der Film wäre doch langweilig geworden. Kein strampeln im Raumanzug, der wäre viel zu steif. Kein herumkurven mit dem Jetpack, keine dramatische Abschiedsszene und so weiter und so fort.

Ob es eine fachlich kompetente Unterstützung, wie zum Beispiel durch NASA oder Roscosmos gab, bleibt anzuzweifeln. Logos von russischen Organisationen und Firmen sind zum verwechseln ähnlich nachemfunden – aber nicht orginal.
Periodisch erlebt man im Laufe des Films eine Orgie der Zerstörung: Bunt, schrill und grandios in Szene gesetzt. Dann wieder endlose stille Weiten des Weltalls. Man kann sich diesen Bildern der Zerstörung und der gleichzeitigen Ruhe einfach nicht entziehen.

Und die Mission dieses Filmes? Nur um zu unterhalten und Geld zu verdienen? Dieser Film wird jedenfalls nicht den Gedanken der Raumfahrt fördern. Er bestätigt eher die zu Beginn des Streifens eingeblendete These, das kein Leben im Weltraum möglich ist. GRAVITY zeigt nichts anderes, als das Ende der bemannten Raumfahrt. All die investierten Milliarden Steuergelder der letzten Jahrzehnte in Shuttle, Hubble und ISS sind in Trümmern aufgegangen. Der Traum von der amerikanischen Supermacht im All ist dahin. Ein „Jüngstes Gericht“, ein „höheres Ereignis“, beendet alle Menschheitsträume. Oder glaubt der Zuschauer, das nach der gezeigten Zerstörungsorgie in absehbarer Zeit noch ein Mensch ins All startet?
Den US-Präsidenten und den US-Senat wird es freuen. Denn sie sind hier nicht die Schuldigen, das Amerika sich selbst seiner Spitzenerrungenschaften beraubt hat. Die Einstellung des Shuttle-Programmes, damit die nicht mehr Erreichbarkeit von Hubble, die Demütigung bei den Russen per Anhalter zur ISS mit fliegen zu müssen, sind hausgemacht. Ingenieurwissen von Jahrzehnten wird, ähnlich wie nach der Einstellung des Apollo-Programmes, verbrannt.
Und Schuld daran sind, wie klischeehaft, die Russen mit ihrem Abschuß eines Satelliten. Das folgende weltraumrechtliche Verfahren und die Schadensersatzforderungen wären einen gesonderten Film wert. Der klischeehafte Schienbeintritt gegen die große russische Raumfahrtnation, so meine ich, ist den Produzenten überhaupt nicht klar geworden ist.
Bewußt oder unbewußt wird aber noch etwas Anderes erstmalig dem Publikum gezeigt. China ist Raumfahrtnation und China ist technologisch ebenwürdig. Man merke, der Film ist für das US-Publikum und dann erst für den Rest der Welt gedreht worden.
Obwohl der Film also unterschwellig die derzeitige Anti-Bemannte-Raumfahrt Stimmung in der US-Regierung befördert, glaube ich nicht, das sich die Produzenten bewußt etwas dabei gedacht haben. Also (leider) doch nur ein Film zur Unterhaltung und zum Geld verdienen.

Fazit:
Der Film ist ein Traum von tollen 3D-Bildern und Weltraumaufnahmen, aber ein Alptraum für alle, die eine 100prozentig realistische Darstellung der wirklichen Vorgänge im bemannten Raumfahrtprogramm erwartet haben.
Lieber Leser, der Sie sich etwas intensiver mit Raumfahrttechnologie, Balistik, Astronomie oder Physik beschäftigen: Sehen Sie sich den Film GRAVITY trotz aller Unzulänglichkeiten an. Er ist wirklich großes Unterhaltungskino.
Also bitte den raumfahrttechnischen und vor allem den physikalischen Verstand zu Hause lassen und entspannt in diesen Film in dem Wissen gehen, dass hier Hollywood, und keine reale Raumfahrt über die Leinwand flimmert. Popcorn gekauft, vor die ganz große Leinwand gesetzt, die 3D-Brille auf und die Augen ganz weit aufgerissen ….
Viel Vergnügen.

Veröffentlicht November 18, 2013 von freundederraumfahrt in Kinoseite

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