Erinnerung an Heinz Mielke – DDR-Raumfahrtliteratur

(Andreas Weise; http://www.freunde-der-raumfahrt.de)

Ende 1978 saß ich auf einer Pankower Schulbank im Fach Astronomie (Pflichtfach). Ja, so etwas gab es wirklich im DDR-Schulwesen in der 10. Klasse. Das Fach machte mit viel Spaß und ich hatte dort auch immer die Eins. Auf dem Lehrplan stand nun der Erdmond. Unser Lehrer versuchte den Stoff etwas spannender zu gestalten, in dem er in sehr dramatischen Worten die Mondlandung von Apollo-11 beschrieb. Im Lehrbuch waren darüber ganze drei Zeilen (1) zu lesen. „… Und betrat Neil Armstrong zuerst mit dem rechten Fuß die Mondoberfläche … .“ „Es war der Linke!“ verbesserte ich. Ein Streit entbrannte. Eine Woche später hatte ich Heinz Mielkes Buch „Der Weg zum Mond“ mit im Unterricht und zitierte: „Vorsichtig stieg der Kommandant des „Eagle“ die neun Stufen hinunter und stellte sich dann zunächst mit dem rechten Fuß auf die tellerförmige Platte des Landebeins. Tastend setzte er schließlich seinen linken Fuß auf die Oberfläche des Mondes. …“(2)
Ich hatte Recht behalten und fortan bekam ich nur noch knappe Zweien oder satte Dreien in diesem Fach… .
In der mündlichen Prüfung am Ender der 10. Klasse holte ich mir dann die Eins zurück. …

Warum ich mich an diese kleine Geschichte gerne erinnere? Es war jenes Buch von Heinz Mielke, was ich als Kind verschlungen hatte und zu diesem Zeitpunkt fast auswendig kannte. Mielkes Bücher zeigten mir die Welt der Raumfahrt. Und dabei ging es nicht nur um die sowjetischen Heldentaten, sondern um alle Raumfahrer. Fasziniert las ich über Apollo-8, 11 und 13. Das Buch „Zu neuen Horizonten“ lieh ich mich mehrmals in der Bibliothek aus, um Bilder von Joe Kittinger, Ed White und der Saturn-5 abzufotografieren. Ganz stolz konnte ich das sofort vergriffene „Transpress Lexikon Raumfahrt“ ergattern und blätterte dafür mein ganzes gespartes Taschengeld hin.

Für mich waren und sind die Bücher von Heinz Mielke, wie auch von Peter Stache, der eigentliche Auslöser, warum ich mich überhaupt mit Raumfahrt beschäftige. Sie sind ein Stück Jugenderinnerung und Zeitgeschichte. Sie waren in der DDR für mich das Fenster mit Blick in den Weltraum und auch auf die andere, westliche Seite der Raumfahrtgeschichte. Ein Sachverhalt, den man heute in Gesamtdeutschland gar nicht mehr nachvollziehen kann.
Mit den Raumfahrt-Lexikas hatte Heinz Mielke ein Standartwerk geschreiben, was auch in der alten Bundesrepublik veröffentlicht wurde. Dieses Werk war in seinem Umfang in den 70er und 80er Jahren unerreicht. Die heutigen Publikationen dieser Art müssen sich daran messen.

Erst viel, viel später fand ich dann aber die speziell für mich imposanteste Leistungen Heinz Mielkes heraus. Am 13.April 1961, einen Tag nach Gagarins Flug, stand in der DDR-Tageszeitung Junge Welt ein Artikel, der das gesamte Raumflugszenario von Wostok-1 beschrieb. Inclusive der Katapultierung des Piloten und der Fallschirmlandung von Gagarin. (3) Ein Sachverhalt, der in der Sowjetunion bis Anfang der 90er Jahre fast Staatsgeheimnis war. Autor des besagten Artikel war Heinz Mielke.
Woher er diese Exklusivinformationen hatte? Vielleicht werden wir es nie erfahren.

Heinz Mielke ist kurz nach Vollendung seines 90sten Geburtstages 2013 gestorben.

Das Raumfahrtmagazin Raumfahrt Concret konnte ihm kurz vor seinem Geburtstag noch interviewen. Der Artikel ist im Heft 77 2/2013 erschienen.

http://www.raumfahrt-concret.de/cms/front_content.php?idcat=189&idart=732
(1) ASTRONOMIE Lehrbuch für Klasse 10, 1982, Verlag Volk und Wissen, Seite 38
(2) Heinz Mielke, Der Weg zum Mond, 1971, Verlag Neues Leben, Seite 239
(3) Junge Welt, 13. April 1961

Veröffentlicht Juli 14, 2013 von freundederraumfahrt in Kolumnen, Raumfahrtgeschichte

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