Nachdenkliches von der ASTROPHIL 2013 aus Berlin

Kolumne

Nachdenkliches von der ASTROPHIL 2013 aus Berlin
(von Andreas Weise) Textentwurf für RaumfahrtConcret, Version vom 13.04.2013

Das Briefmarken sehr lehrreich sein können, weis ich seit frühesten Kindheitstagen. Schon als zehnjähriger sammelte ich Briefmarken mit der Motivrichtung Raumfahrt. Vielen anderen erging es genauso. Und diese Faszination hält noch heute an. Folgerichtig trafen sich am 12. bis 14. April 2013, Raumfahrt- und Briefmarkenfans zur ASTROPHIL, einer Raumfahrt-Briefmarken-Ausstellung, in Berlin. Gastgeber war das Russische Haus, das russische Kultur- und Informationszentrum, in der Friedrichstraße. Als Rahmenprogramm hatte man am Samstag sich etwas besonderers einfallen lassen. Kein geringeren Gäste als Sigmund Jähn (76), erster deutscher Kosmonaut und Wladimir Wassiljewitsch Kowaljonok (71), dreifacher Kosmonaut und Salut-6-Kommandant, saßen auf der Bühne.
Also Bühne frei für eine spannende Veranstaltung… dachte man.

Spannend war es, aber irgendwie anders, als gedacht. Kowaljonok war zweifellos die domenierende Person auf der Bühne. Er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen getreu nach dem Motto: „So liebes Publikum, nun könnt Ihr die passenden Fragen auf meine Antworten stellen! Aber am besten Ihr stellt keine.. .“ Insofern hatte es Moderator Torsten Gemsa schwer, überhaupt einen Punkt zu landen. Kowaljonok betonte, er gebe hier seine private Meinung wieder und außer dem sei er Rentner. Das er keinen meinungsbildenden Einfluß mehr hat wollte zumindest ich dem Kosmonauten und ehemaligen Direktor der Ingenieursakademie der Luftstreitkräfte nicht abnehmen.
Was ist nun aus der Podiumsveranstaltung inhaltlich bei mir hängen geblieben?

Gleich der erste Ansatz nach dem Einsatz von Frauen im Weltraum auf russischer Seite wurde abgeschmettert. Erst überging Kowaljonok die Frage um dann doch noch darauf mit der Entschiedenheit eines Dampfhammers zu antworten, das erstens Frauen im All nichts zu suchen haben und zweitens die Männer die Frauen doch bitteschön (davor) beschützen sollten. Pasta! „Hallo Valentina Tereschkowa! Du bist nur aus Versehen in den Kosmos geflogen! Es war ein großes Missverständnis!“, wollte man da gleich ausrufen. Natürlich nicht! Immerhin hatte die russische Raumfahrt es doch tatsächlich in 50 Jahren auf drei (!) wirklich im All gewesene Kosmonautinnen gebracht! Nun, das scheint ein Thema, wo offensichtlich noch nicht alle Argumente ausgetascht sind.

Viel nachdenklicher stimmten folgende, mit ebensolcher Entschiedenheit vorgetragene Standpunkte:
Rußland sollte sofort aus der ISS aussteigen! Sofort!!!
Rußland ist nur der Instandhalter, Taxifahrer und Hausmeister der ISS. Den Nutzen haben andere. Das muß anders werden.
Rußland sollte einen Alleingang im Weltraum machen. Zum Beispiel zum Mars. Die Möglichkeit dazu besteht.
Rußland sollte Baikonur schnell aufgeben. Die Kasachen wollen zu viel Geld. Es ist zu teuer. Meinte er damit Erpressung? Er verwies auf das sich im Bau befindliche Kosmodrom in Wostotschny. Und danach wird es „… nicht einmal mehr Kamele“ in Baikonur geben.

Starke Worte, die so machem im Saal einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließen. Ob Kowaljonok bewußt war, dass nicht nur Rußland-Freunde und Briefmarken-Fans im Saal saßen? Immerhin waren der Leiter der Raumfahrtredaktion der bekannten Luftfahrtzeitschrift FliegerRevue und der Chefredakteur des einzigsten deutschsprachigen Raumfahrtmagazins RaumfahrtConcret im Saal und spitzten die Ohren.

Doch wie sind nun diese starken Worte zu bewerten? Sieht man sich an, was in letzter Zeit in Russland von Seiten Roskosmos und der russischen Regierung so gesagt wurde, so paßt das genau in diese Richtung. Rußland ist es leid, nur den „Kutscher“, bzw. den Dienstleister zu spielen um Divisen einzufahren. Rußland will die Raumfahrt für das eigene Land anwenden. Dazu scheint jetzt Bewegung in ein Strategiekonzept zu kommen, wie das geschehen soll. Gleichzeitig will Rußland die Raumfahrt nutzen, um auch verstärkt Selbstbewußtsein zu zeigen. Raumfahrt ist in Rußland jetzt wieder Chefsache. Das hat Präsident Putin in Wostotschny am Tag der Raumfahrt deutlich gemacht.
Rußland braucht sich nicht zu verstecken. Denn was haben die Amerikaner?

Die größte Trägerrakete (Saturn-5) der Welt – gehabt.

Den Space Shutle – gehabt.
Die Fähigkeit, bemannt in den Weltraum zu fliegen – zur Zeit nur als Taxikunde bei den Russen.

Zur Zeit erfindet man die Apollo-Kapsel neu. Orion heißt sie jetzt. Das Servicemodul kauft man ein. Bei den Europäern.

Ach ja, was ist eigentlich mit Europa? Wir sollten uns nicht über diese markigen Aussagen von Kowaljonok aufregen und entrüstet sein, sondern überlegen, ob die europäische Raumfahrtpolitik nicht auch dazu beigetragen hat, Rußland auf den Weg des Alleinganges in die Ecke zu treiben. Hat man nicht wieder zu sehr auf die amerikanische Karte gesetzt, anstatt auch mit Rußland einen Technologieaustausch zum gegenseitigen Nutzen zu ermöglichen? Natürlich ist Rußland kein leichter oder gar bequemer Partner. Aber hat man wirklich alles versucht? Diese Frage ist für mich offen. Ich glaube, das auf der ESA-Ministerkonferenz in Neapel hier nicht startegisch genug auch an Rußland gedacht wurde und vielleicht eine Chance vergeben wurde, Rußland stärker mit einzubinden. Vielleicht sehe ich das zu düster, aber vielleicht ist es noch nicht zu spät.

Und Sigmund Jähn? Der saß sehr ruhig und nachdenklich fast schon etwas abseits am Podium, den Kopf gesenkt. Doch einmal ergriff er das Wort. Ganz ruhig und vorsichtig, die Worte zweimal, dreimal abwägend wiedersprach er seinem Freund Kowaljonok auf offener Bühne. Ein bemannter Marsflug müsse nach seiner Meinung von Allen getragen werden. So ein Unternehmen habe eine sehr große völkerverbindende Bedeutung für die Menschheit. Bestimmt meinte er damit nicht nur den Marsflug, sondern auch die ISS.
Offener Beifall war die Antwort aus dem Publikum. Für mich waren diese Worte, wie auch dieser Beifall wie eine Erlösung aus einem schlechten Traum. Es ist zu hoffen, das Sigmund Jähn hier mit seiner Meinung nicht allein da steht. Im inneren Herzen weis ich das.
Gemeinsam!

Veröffentlicht April 15, 2013 von freundederraumfahrt in Kolumnen, Reise- und Ereignisberichte

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