ILA 2012

Berlin Schönefeld – ILA 2012 vom 11. – 16.September 2012
Ein kleiner kurzer Überflug

(Kolumne von Andreas Weise) veröffentlicht unter freunde-der-raumfahrt.de – 2012
und in Raumfahrt Concret, 74/75, Seite 53, 12.2012 in leicht geänderter Form

Die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin sollte für Luft- und Raumfahrtenthusiasten immer ein Höhepunkt sein. Grund genug für einen „normalen Laien-Raumfahrtfan“, die 22 Euro zu berappen und sich das Ganze einmal anzusehen. Also setzte ich mich am Freitag, den 14. September, zum ersten Öffnungstag für das normale Publikum in mein Auto und fuhr früh los.

In diesem Jahr fand die Präsentation zum ersten Mal auf dem Gelände des neuen Flughafens Berlin/Brandenburg in Schönefeld statt. Während der neue Flughafen selber in östlicher Ferne zwar fertig aussah, aber immer noch seiner Eröffnung harrte, war im westlichen Teil die ILA 2012 aufgebaut worden. Damit ergaben sich automatisch ganz neue Eindrücke im Vergleich zu den vorherigen Veranstaltungen. Zum einen war das neue Ausstellungsgelände sehr weitläufig und bot somit viel Platz für die zahlreichen Besucher. Zum anderen hatten die Aussteller die neue südliche Startbahn ganz für sich allein, ohne Rücksicht auf den Passagierverkehr von Flughafen Schönefeld auf der Nordbahn. In den Tagen zuvor war schon einiges los gewesen. Die Kanzlerin war da und hatte sich medienwirksam die neuesten Errungenschaften zeigen lassen. Nun war das „einfache, normale“ Publikum da.

Und was gab es zu sehen? Die Riesenvögel A380 und Jumbojet B747-8 waren weg. Von Fluggerät mit russischer Kennung weit und breit nichts auf dem Flugfeld zu sehen. Warum eigentlich? Zu Flugzeugshow im britischen Farnborough im Juli waren SuperJet-100, Suchoj, MiG und Co. anwesend gewesen. Vor Jahren konnte man SAAB, Eurofighter, F-16, Su und Mig im Vergleich am Himmel sehen. Lang scheint es her zu sein… . Die Beluga von Airbus machte sich dann am Abend auch abreisefertig. Das schwere Transportflugzeug A400M von Airbus-Military präsentierte sich mit LKW’s und Ausrüstungen vom Technischen Hilfswerk THW und Frachtpaletten vom Roten Kreuz und vermittelte gekonnt den Eindruck, hier ginge es in erster Linie um einen „Hilfe-Flieger“. Dafür war die AWACS E-3A Century aus Geilenkirchen wieder zu sehen. Die mit den tollen alten Pratt&Whitney-Triebwerken, um die sich jedes Technikmuseum einmal reißen wird. Der Vergleich zu vorangegangenen ILA’s fiel hier für mich negativ aus. Trotz des wirklich tollen neuen Ausstellungsgeländes. Auf die Bewertung des anwesenden Fluggerätes für das Nicht-Fach-Publikum durch die Fachjournalisten bin ich jetzt schon gespannt.

Ich war aber in erster Linie unterwegs, um etwas Neues zur Raumfahrt zu erfahren. Und da gab es am Freitag wirklich genug zu sehen. Da war auf der ILA Astronaut’s Day! Als erster lief mir beim Eingang in die Raumfahrthalle der niederlänische Astronaut Andre Kuipers in Mitten eines Trosses von Medienleuten und Offiziellen vor die Kamera. Ihn sollte ich am Nachmittag noch bei einem Vortrag zur Arbeit auf der ISS erleben.

Aber zunächst fesselte mich die „Rakentenabschußvorrichtung“ des DLR-SCHOOL-LAB. Eine simple, aber sehr wirkungsvolle Konstruktion aus PE-Flaschen und einem Kompressor. Ein einfaches Schülerexperiment, was mir gerne von Friedolin Strauss, Ingenieur beim DLR, Institut für Raketenantriebe, erklärt wurde. Genau der richtige Einstieg für Schüler und Lehrer in die naturwissenschaftliche Welt der Raumfahrt. (http://www.dlr.de/schoollab)

In der sehr gut ausgeleuchteten und nicht so düster, wie bei früheren ILA’s wirkenden Raumfahrthalle gab es alles zu sehen, was zur Zeit durch Europa so ins All geschossen wird. Von Ariane bis Shefex-2. Im Vortragsraum dann ein Höhepunkt. Liu Wang, Taikonaut und Besatzungsmitglied von Shenzhou-9, war auf dem Podium anwesend. Eine Tatsache, die auf eine zukünftige Zusammenarbeit zwischen Europa und China hoffen läßt. Als aufmerksame Zuhörer im Publikum entdeckt: Gerhard Kowalski (Raumfahrtjornalist) und Eberhard Rödel (Raumfahrt Concret). Bei allen europäischen Rednern schimmerte der Wunsch nach einem eigenen bemannten Raumfahrzeug durch. Der bemannte ATV läßt grüßen. Aber dazu muß man sich erst einmal politisch bekennen. Der dreifache deutsche Astronaut Ulf Merbold brachte das auf den Punkt, in dem er die Subvention der Europäischen Agrawirtschaft in Vergleich zu den Ausgaben für die bemannte europäische Raumfahrt setzte. „Am Geld könne es nicht liegen.” „Das ist nur eine Frage des politischen Wollens.”

Aber Raumfahrt wurde nicht nur durch ESA und DLR präsentiert. Russlands Raumfahrtindustrie stellte sich vereint auf einer Fläche dar. Und es waren auf den ersten Blick alle großen da: „Energia“, „Progess“, „Lawotschin“, „Khrunichev“ und natürlich die russische Raumfahrtagentur „Roscosmos“. Es gab viel zu sehen: Viele Modelle und sehr schöne Frauen. Bei konkreten Fragen zu Projekten wollte man sich aber nicht so richtig in die Karten gucken lassen.

Am Stand vom Raumschiff-Hersteller „Energia“ standen zwei schöne Modelle von Sojus-Raumschiff und Progess-Transporter. Etwas daneben ein nicht beschriftetes Modell, das auf Nachfrage als neues Raumschiff „New Generation Crew Transportation Vehicle“ bezeichnet wurde. Augenscheinlich handelte es sich um eine Version des schon seit Jahren herumgeisternden Sojus-Nachfolgers PPTS (Prospective Piloted Transport System). Verblüffend war, dass im Gegensatz zu der 2011 auf der Luftfahrtausstellung MAKS in Moskau ausgestellten 1:1 Modell-Variante die Anzahl der Kosmonauten von sechs auf vier reduziert wurde. Es sei alles noch in der Entwicklung, und ob das jetzt der letzte Stand wäre, könne man auch nicht sagen. So zuckersüß lächelnd die Antwort der netten Damen am Stand. Die Frage nach einem eventuellen Erstflug-Datum wurde höflicher weise gar nicht erst verstanden. Das Gespräch lockerte sich erst auf, als ich nach dem zugeklappten Laptop mit den orginal Steuerhebeln einer Sojus-Kapsel fragte. Hier waren die Antworten sehr präzise: Nein, das sei keine Computergame-Anwendung, sondern ein eine Trainingsmöglichkeit für Kosmonauten. Ja, die Hebel wären „Original Sojus“. Nein, das Gerät oder die Software könne man nicht käuflich erwerben. Schade, dachte ich! Die Sojus-Steuerung im Aktenkoffer für Unterwegs – wäre doch toll.

Zurück zum Ernst der Lage: Gleich um die Ecke beim ISS-Modul– und Proton-Hersteller „Khrunichev“ wurde man etwas gesprächiger. Für die neue Trägerrakete „Angara“ werde eine Startposition im russischen Kosmodrom Plesetsk gebaut. Der neue russische Träger solle vom russichen Territorium starten und nicht von Kasachstan aus. Obwohl Plesetsk auf Grund seiner nördlichen Lage nicht unbedingt erste Wahl sein durfte. Vom neuen Kosmodrom Wostotschny war hier nicht die Rede. Indirekt wurde aber auch bestätigt, das der Startkomplex 250 (Erster Energia-Start) im kasachischen Baikonur für die Angara hergerichtet werden soll. Man halte sich also alle Optionen offen, wobei das Primat der Start vom russischen Boden ist. Ob denn die schleppende Entwicklung durch die mangelnde Finanzierung hervorgerufen sei, wollte ich wissen. Ein Augenrollen war die Antwort. Nein! Am Geld liege es nicht. Es liege an „spezielen, eigenen russischen Problemen“. Was immer das heißen mag!
Zu vermuten ist, das die russische Raumfahrt noch immer auf der Suche nach sich selbst ist. Die noch nicht beendete Pannenserie des letzten Jahres, das Personal- und Altersproblem in den Raumfahrtbetrieben, die Parallelentwicklungen bei Trägersystemen bei gleichzeitigen knappen Kassen, der Zickzack-Kurs in der strategischen Linie, ja das Fehlen einer zentralen Vorgabe – das alles stellt sich für einen Außenstehenden sehr ungeordnet, eher chaotisch dar. Die Zeiten der konkreten Ziele scheinen lang her zu sein: Erster Sputnik in der Umlaufbahn, erster Mensch im All, erster Mensch im freien Raum, erste Raumstation… .
Der Chef der Raumfahrtbehörde Roskosmos Wladimir Popowkin mahnt stendig notwendige Reformen in der russischen Raumfahrt an. Man darf gespannt auf, wie sein Konzept für die strategische Entwicklung der russischen Raumfahrt der nächsten Jahrzehnte aussehen wird, um die beschränkten Mittel effektiv einzusetzen.
Aber das alles ließ sich auf der ILA 2012 nur erahnen. Die Prospekte waren schön bunt und die Druckqualität hervorragend. Fehlt nur noch die Umsetzung in der Praxis.

Fazit am Ende eines langen Besuchertages: Man konnte nicht alles sehen und miterleben. Die Präsentationen von DLR und ESA waren sehr gut und die Zahl von Kosmonauten/Astronauten/Taikonauten pro Zeiteinheit war für den Besucher unübertroffen. Russlands Raumfahrtleistungsschau war beeindruckend. Und ich glaube auch den unbedingten Willen gespürt zu haben, aus dem augenblicklichen Tal der Probleme wieder aufzusteigen. Wünschen wir alles Gute.

Die ILA 2012 war für einen Erstbesucher bestimmt grandios und überwältigend. Im Vergleich der dargebotenen Fluggerätes rangiert die ILA 2012 für mich an diesem Tag eher im unteren Drittel der letzten 20 Jahre.

Aber auch hier gilt: Nachder ILA ist vor der ILA.
Schau’n wir mal… .

Veröffentlicht Oktober 1, 2012 von freundederraumfahrt in Kolumnen

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