Feucht – 13. Tag der Raumfahrt-Geschichte

Feucht – 13. Tag der Raumfahrt-Geschichte 23.Juni 2012
von Andreas Weise – veröffentlicht unter freunde-der-raumfahrt.de , 2012

Wenn jemand am Freitag Nachmittag nach der Arbeit fast 500 Kilometer weit fährt um am nächsten Tag an einer Veranstaltung über Raumfahrthistorie teilzunehmen, muss es schon etwas Besonderes damit auf sich haben. Aber der Grund für mich war banal und einfach: Ich war sehr, sehr neugierig. Neugierig auf die Themen und vor allem auf die Referenten.

Das Hermann-Oberth-Museum in Feucht bei Nürnberg hatte zum 13. Tag der Raumfahrt-Geschichte eingeladen. Die Vortragenden waren mir, bis auf einen, völlig unbekannt. Auch standen keinerlei Hinweise dazu auf der Agenda, wie zum Beispiel: „Herr Soundso, Historiker an der Universität Dingsda“ oder „Herr Beispiel, Buchautor und Hobbyforscher“. Also das, was man eigentlich erwartet, um die Referenten im Vorhinein etwas abschätzen zu können. Aber weit gefehlt. Im Nachhinein bleibt festzuhalten: Alle Referenten waren hochkompetent auf ihren Themengebieten.

Samstag Vormittag kurz vor Zehn in einem Gebäude hinter dem eigentlichen Oberth-Museum. Es herrschte gute Stimmung. Am Vorabend hatte Deutschland gegen Griechenland bei der Fußball-EM gewonnen, die Sonne lachte und der Saal füllte sich stetig. Unter den anwesenden Zuhörern auch Konrad Stahl von der Deutschen Raumfahrtausstellung in Morgenröthe-Rautenkranz. Ist doch prima, dachte ich, wie man aus dem Vogtland herüber schaut, was die anderen Museumskollegen so machen.

Erster Vortrag: Herr Michael Tilgner. Ein älterer Herr, der in einer sehr ruhigen, ausgeglichenen und souveränen Art das rüber brachte, was er sagen wollte. Es ging um ein Raketen-Patent aus dem Jahre 1911. Donnerwetter, dachte ich, ganz schön lange her. Aber irgendwann kam dann die Botschaft herüber, dass das alles doch nicht so bedeutungsvoll zu werten ist. Trotz der ruhig dahin plätschernden Art des Vortrages war dieser keinesfalls langweilig. Und es steckte bestimmt eine Unmenge an Recherchearbeit dahinter. Da ich selber zu meinem Thema so manche Stunde im Berliner Stadtarchiv zugebracht hatte, konnte ich das schon entsprechend würdigen. Das Thema selber war für mich interessant, da völlig neu. Michael Tilgner sollte an diesem Tag noch zwei weitere Vorträge halten. Für den Veranstalter war er einer der Hauptakteure.

Ich will jetzt nicht auf alle Inhalte der anderen Vorträge eingehen. Es ging um Sciencefiction-Literatur der frühen Jahre des 20 Jahrhunderts, um Raketenflugzeuge, aber auch um Informationspolitik des NS-Regimes zur Raketentechnik.
Alles Themen, die aber auch nur hier im Oberth-Museum in Feucht entsprechend gewürdigt werden konnten. Hat man sich doch gerade hier als Hauptziel gesetzt, die Jahre von Oberths wichtigsten Schaffensperiode, und das sind nun mal die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts, besonders herauszustellen.

Leider entsprach das Publikum auch eher dem alten Herrn Oberth. Bis auf ganz wenige Ausnahmen hatten die Meisten bereits das Rentenalter mehr als nur erreicht. Schade eigentlich. Man braucht in solchen Veranstaltungen eigentlich auch junges Publikum. Man sollte bei der Geschichte der Raumfahrt nicht nur erläutern, wohin die Reise gehen soll (ISS, Mond, Mars und vielleicht weiter). Wichtig ist auch zu vermitteln, woher die Raumfahrt kommt. Und da ist nun mal Oberth der zentrale „historische Punkt“ in Deutschland. Aber wie das junge Publikum begeistern? Eine Lösung für das Problem ist weder in Feucht noch anderswo bereits umfassend gefunden.

Am Spätnachmittag trat dann Dr. Olaf Przybilski von der Technischen Universität Dresden auf. Auf diesen Referenten freute ich mich besonders, kannte man sich doch schon seit längerer Zeit.
Wer ihn schon einmal erlebt hat, weiß, dass es spätestens jetzt mit der Ruhe vorbei war. Mit beiden Händen redend sauste er zwischen Publikum und Leinwand hin und her. In dem Vortrag war Feuer und Leidenschaft zugleich! Was machte es da schon, wenn das Thema “Wernher von Braun – vom Bastler zum Manager“ für mein Verständnis völlig verfehlt wurde. In dem Moment, wo er die Gliederung seines Vortrages auflegte, war klar, das es etwas ganz anderes zu hören gab. Und das ließ bei einigen Zuhörern im Saal doch etwas die Gesichtszüge entgleisen.
Da wagte doch dieser Herr aus Dresden, der so ganz nebenbei auch noch Hochschuldozent ist und als der Spezialist für die Thematik A4 gilt, das Heiligste vom Heiligsten an zu zweifeln: Nämlich, das es bei der Dissertationsarbeit von Weltraum-Super-Hyper-Genie Wernher von Braun alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Man könne meinen, spätestens seit Karl Theodor zu Guttenberg ist es Mode, jede Doktorarbeit zu zerpflücken..
Aber Przybilski untermauerte seine Thesen für einen Außenstehenden recht einleuchtend und stellte klar: Er habe nur mal an Hand der Faktenlage laut gedacht. Und das kann man ja wohl nicht verbieten. Auch sind Auswirkungen auf die Geschichtsschreibung der Raumfahrt dadurch nicht zu erwarten. (Bemerkung von mir.)

Sehr viel bedenklicher fand ich den Gedankengang, an Hand der technischen Entwicklungsarbeit an dem A4 in Peenemünde eine gewisse bewusste (!!!) Verschleppung der Einsatzreife als Waffe abzuleiten. Klartext: Sabotage auf höchster Ebene. Absolut provokantes Thema und im ersten Gedankengang für mich absolut unrealistisch.
Auch hier hatte er „nur mal laut nachgedacht“. Diesen Gedanken aber an Hand von technischen Versuchsprotokollen abzuleiten, ist einfach zu dünn, finde ich. Hier sind die Historiker gefragt. Przybilski blieb sich also treu: Streitbar, kontrovers und mit seiner Meinung ehrlich.

Krönender Abschluss der Veranstaltung war dann die Vorführung des Stummfilmklassikers „Die Reise zum Mond“ aus dem Jahre 1902. Allerdings in einer colorierten Fassung. Also in Farbe! Auch wurde auf das sonst für Stummfilme übliche Klaviergeklimper verzichtet und ein etwas moderner Sound aufgelegt. Man fühlte sich direkt in das Musik-Video der Gruppe Smashing Pumpkins „Tonight, Tonight“ versetzt.
In zwischen war es auch schon 19 Uhr und vor mir lag die sehr lange Heimfahrt.

Fazit: Es hat sich gelohnt, die lange Anfahrt und die verbrachte Zeit. Dank an alle Referenten für die sehr eindrucksvollen Beiträge.
Herzlichen Dank und Vorfreude auf das nächste Mal.

Veröffentlicht Juni 30, 2012 von freundederraumfahrt in Reise- und Ereignisberichte

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