Echt Irre: Der verstrahlte Westernheld und anderer Irrsinn aus dem Atomzeitalter – Ein Buch von Rudolph Herzog

von Andreas Weise, 2012, (Belegarbeit für Kurs „Journalismus II“ VHS Berlin)

Seit der Atom-Katastrophe von Fukushima ist alles anders. Glaubte man noch bei der Tschernobyl-Unglück sagen zu können, das läge nur an den laxen Sicherheitsstandards der alten Sowjetunion, so traf es diesmal die hochentwickelte Industrienation Japan, von der man dachte, dort könne so etwas niemals passieren. Der Glaube, man könne die Kräfte des Atoms gefahrlos zähmen, verlor hier völlig seine Grundlage.
Und wie zur Untermauerung dieser Aussage präsentiert sich Rudolph Herzogs Buch „Der verstrahlte Westernheld und anderer Irrsinn aus dem Atomzeitalter“.

Ein Wort im Titel ist Programm: „Irrsinn“ !“
Beim durchblättern des Buches könnte man meinen, man habe es hier mit Slapstick auf ein ernstes Thema zu tun. Aber das Lachen bleibt einem von Seite zu Seite im Halse Stecken. Die Reise geht durch alle Gebiete der Atomkraftanwendung. So zum Beispiel von der geradezu beängstigenden Verbreitung des Wissens, wie man die A-Bombe baut. Auch wird von der größten je gebauten Atombombe berichtet, die bei Ihrer Explosion im hohen Norden der Sowjetunion noch in Norwegen Fensterscheiben zu Bruch gingen ließ, von der Zerstörung der Umwelt ganz zu schweigen. Oder eine der kleinsten Atombomben mit nur 35kg Gewicht, die von einem Granatwerfer abgeschossen werden konnte, bestimmt zum Gefechtsfeldeinsatz an vorderster Front in Zentraleuropa. Über Sinn und Unsinn dieser Entwicklungen waren und sind sich selbst die Militärs nicht einig. Auch wurden ohne Skrupel Soldaten und Zivilisten bewusst der Kernstrahlung ausgesetzt. Da testete die US-Army das Vorrücken von Bodentruppen in das Zentrum der Explosion. Da übernachteten australische Ureinwohner im Explosionskrater einer britischen Atombombe, weil man sie nicht als informationswürdig ansah. Da liegt in einem russischen Testgelände Plutonium frei in der Landschaft und bräuchte nur eingesammelt zu werden. Es gab Pläne für eine Weltuntergangsmaschine, wie entsprungen bei Kubricks filmischen Meisterwerk „Dr. Seltsam“. Der Leser staunt nur und schüttelt den Kopf, wie knapp die Menschheit an einer Atomkatastrophe vorbeigeschrammt ist. Von den unzähligen ungenannten Opfern ganz zu schweigen.
Aber auch im sogenannten zivilen Sektor gibt es schier unglaubliche Vorfällen. Da wird der defekte Kernreaktor des Atomeisbrechers Lenin einfach im Nordmeer versenkt, da stürzen mit Kernreaktoren betriebene Satelliten ab und man sucht Wochenlang nach den Trümmern in Kanada. Da gammelt im Kongo ein Forschungsreaktor vor sich hin. Da tauchen plötzlich vor Jahrzehnten abhanden gekommene Brennstäbe in Italien auf und werden von der Mafia auf dem Schwarzmarkt angeboten.
Wahnwitzigsten sind auch die Ideen, mit Hilfe von Atomexplosionen in Alaska, in Pannama oder in Ägypten Kanäle oder ganze Hafenbecken zu erbomben. Dagegen erscheinen die tatsächlich realisierten „zivilen“ Explosionen zur Erdöl- oder Erdgasförderung in der Sowjetunion geradezu harmlos.
Und der Mensch ignoriert das alles, weil er davon nichts weis oder nichts wissen will. Wie sonst ist es zu erklären, wenn der amerikanischste aller US-Schauspieler, John Wayne, in der Wüste von Uta im trockenen Staub mit hunderten Statisten einen Historienfilm dreht, obwohl das Gelände durch einen benachbarten Atomtest hochgradig verseucht ist.
Herzog hat hier ein einmaliges Buch geschrieben, in dem er die Fakten zusammen getragen hat, ohne den mahnenden Zeigefinger erheben zu müssen. Der Wahnsinn erklärt sich selbst.
Das Buch ist für alle Leserschichten gedacht, für Kernkraftgegner und –befürworter. Man muss zu dem abschließenden Fazit kommen, das der Mensch auf seine Arroganz und seine Ignoranz bezogen auf das technisch Möglichkeiten und Gefahren sich selber immer ein Bein stellt.
Sicherheit ist eben nicht gesichert. Bislang haben wir einfach nur Glück gehabt… .

Rudolph Herzog: Der verstrahlte Westernheld und anderer Irrsinn aus dem Atomzeitalter,
Galiani Verlag, Berlin, 260 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-86971-054-9

Werbeanzeigen

Veröffentlicht April 16, 2012 von freundederraumfahrt in Anderes

%d Bloggern gefällt das: