Moskau * Gagarin-Memorial * MAKS 2011 * Monino * 08.2011

Ladeburg, 30.08.2011
veröffentlicht unter http://www.freunde-der-raumfahrt.de , 2011

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Reisebericht „Moskau, Gagarin und MAKS 2011“
von Andreas Weise

Tag 1 – Mittwoch der 17. August 2011
Anreisetag

Dieses Jahr ist alles etwas durcheinander in der Planung gelaufen. Man kann auch eher sagen: Es war individueller. (An-)Flüge und Programmpunkte waren unterschiedlich. Jeder konnte sich seine Reiseaktivitäten zusammen stellen. Gleich für alle waren nur die Punkte Besuch der MAKS 2011 und Besuch in Monino.
Ich wollte dieses Jahr nicht den Stress mit dem Nachtflug haben. Man kommt völlig gerädert in Moskau früh am Morgen an und soll dann den Tag genießen. Nein, diesmal wurde nicht auf die Kopeke geschaut und der bequeme Vormittagsflug mit „Germanwings“ nach Wnukowo gewählt. Die Varianten „Aeroflot“ nach Scheremetjewo und „Airberlin“ nach Domodewo hatten wir ja schon durch. Im Vergleich der Flughäfen: Scheremetjewo ist zu kaotisch-stressig, Domodewo ist zu riesig und Wnukowo ist groß aber nicht überlaufen, also angenehm. Das ist natürlich alles subjektiv betrachtet.
In Wnukowo gibt es für Freunde alter sowjetisch-russischer Flugtechnik viel zu sehen. Eine Unmenge an altertümlichen TU134A und Jak42 stand flugbereit da. Am „furchterregesten“ sah eine eine TU134A von Gazpromavia aus. Flugziel: Urgench in Usbekistan. Doch es gab auch Anderes. Einer der Platzhirsche war die Fluggesellschaft Redwings, die eine Flotte von TU204 betreibt. Es sah alles sehr schnittig und neu aus.
Überraschend positiv war auch, dass die Einreise-Zettel bei der Einreisekontrolle nicht mehr per Hand sondern elektronisch-maschinell ausgefüllt wurden. Jetzt müßten nur noch die Visabestimmungen gelockert werden und es würde richtig Spass machen, hier einzureisen. Kommt aber bestimmt auch noch!
Sofern Moskaus Russland und Brüssels EU es wollen – vielleicht – irgendwann – hoffentlich !
Dann der Transfer zum Hotel Cosmos nahe der WDNCH. Eine schöne Fahrt quer durch Moskau folgt. Ankunft im Hotel. Man ist das dritte Mal dort. Also fast schon zu Hause.
Am Nachmittag dann ein Ausflug in die Stadt. Roter Platz, Arbat u.s.w.. Ich bin am Abend noch auf der Suche nach einer DVD des Films Apollo-18. Leider zu dieser Zeit total unbekannt dort. Im DomKnigi auf dem Nowyarbat lasse ich viel Geld für Bildbände von Gagarin und einige DVD’s mit Dokumentarfilmen. Außer dem erstehe ich einen Straßenatlas für den Großraum Moskau. Ich werde den am nächsten Tag gut gebrauchen können. Etwa gegen halb elf Abends werde ich freundlich des Hauses verwiesen. Ladenschluss!
Dann noch einmal über den nächtlichen Roten Platz, hinunter in die Metro abgestiegen und zurück ins Hotel. Schlafen!

Tag 2 – Donnerstag der 18. August 2011
Besuch der Gagaringedenkstätte – Absturzstelle Gagarin

Mein Starttermin ist offiziell auf 9:30 Uhr angesetzt. Das habe ich sogar schriftlich(!). Um diese Zeit soll ich zu meiner kleinen Privatexkursion zur Absturzstelle von Gagarin abgeholt werden. Das hatte ich mir extra so planen lassen. Ist ja nicht jedermans Sache, mal so in die russische Provinz zu fahren, blos um einen Obelisken zu besichtigen, der irgendwo im Wald stehen soll. Für mich aber etwas Besonderes, wovon ich schon lange geträumt hatte.
Heinz Hinkelmann von TUK hatte extra bei mir nachfragen lassen, ob ich einen Spezial-Tour-Guide bräuchte. Natürlich nicht! Was hätte der mir spezielles auch erzählen können. Trotzdem hatte die russische Seite noch eine kleine Überraschung gesetzt, die mir Heinz schon vorab verraten hatte: Ksenia würde mich begleiten. Auf dieses Wiedersehen freute ich mich natürlich besonders.

7:30 Uhr dann im großen Frühstücks-Saal des Hotel Cosmos. Unmengen an Menschenmassen, die erst am Buffet um Kaffee, Wurst, Brot und Butter kämpfen und dann um die Plätze an den Tischen. Die Mehrheit der aus allen Himmelsrichtungen dieser Erde stammenden Gäste stellt eindeutig China. Ob hier gerade ein Kongress ist? Das Buffet ist reichlich gefüllt. Es ist genug für alle da, blos es sind einfach zu viele Menschen auf einmal aktiv. Aber solche Schlachten am Buffet kennt man auch aus dem Spanienurlaub und bestimmt auch anderswo. Mir ist jedenfalls der Appetit etwas vergangen. Also schlinge ich etwas in mich hinein und dann blos raus dort. Ich will noch zur Metrostation WDNCH gegenüber dem Hotel. Dort waren gestern viele Babuschkas, die Blumen verkauften. Und ich will welche zum Ehrenmal mitnehmen (Die Blumen natürlich!). Es ist jetzt 8:30. Also noch viel Zeit. Im Fußgängertunnel unterhalb der Schnellstraße dann plötzlich der laute Ruf „Ahhndrreiijääaase !!“ Jo! Ich wäre beinahe mit Ksenia frontal im Gedränge zusammengeprallt. Nach dem ersten Hallo sofort die Frage, wohin ich wolle. Blumen. Wieso? Du hast keine Zeit! Warum? Weil wir um 8.30Uhr fahren wollten. Nein! Warum? Weil wir 9:30 verabredet sind! Stimmt nicht! Doch! Vielleicht nach zentralasiatischer Zeit …! …..und so weiter. Diese Unterhaltung, oder besser dieser verbale Schlagabtausch in mitten eines Menschenstromes hätte jetzt noch minutenlang so weiter gehen können.
Egal, irgendwas war informativ schief gelaufen. Also wir treffen uns in 15 Minuten am Hotelempfang. An der Metrostation Menschenmassen, aber keine Blumen. Logisch! Die kauft man ja auch abends, wenn die Liebspärchen unterwegs sind, und nicht am Morgen. Also muss ich auf meinen „Plan B“ zurückgreifen. Im Gepäck habe ich drei „unverwelkbare“ Sonnenblumen. Die selbe Sorte, die ich schon in Baikonur mit hatte. Ist zwar nicht die eleganteste Lösung, aber besser als gar nichts.

In der Hotelhalle machen sich die anderen Mitreisenden auf den Weg zu ihrem Tagesprogramm. Besuch des Sternenstädtchens. Da war ich 2008 und 2009 schon. Also heute Individualprogramm. Inzwischen ist auch Jan aufgetaucht. Er hatte mir am Vortag extra im Hotel eine Nachricht hinterlegt. Ich freue mich, dass er auf den Ausflug mitkommt, nicht nur weil wir uns die Kosten dann brüderlich Teilen. Nein, es ist einfach schön noch jemanden zum Schwatzen zu haben. Ksenia bringt uns zu einem schon etwas älteren Marcedes-Kleinbus. Ich setze mich gleich vorn neben den Fahrer um während der Fahrt fotografieren zu können. Hinter uns sitzen Ksenia und Jan.
Die Fahrt geht los. Moskau ist im Berufsverkehr. (Dieser dauert in der Regel so ca. 24 Stunden !) es geht über den nordöstlichen Autobahnring und dann direkt nach Osten. die Straße ist vierspurig und gut ausgebaut für russische Verhältnisse. Teilweise wird die Standspur auch mitgenutzt.
In einer Ortschaft, durch die wir fahren, sieht es aus, als ob eine Schiffsladung von vermutlich chinesischen Plüsch-Hasen dort gestrandet ist. Hunderte (gefühlt tausende) Hasen aus gift-bunten Kunststoffplüsch werden am Straßenrand feil geboten. Es sieht aus, wie in „Bunnyshausen“.
Woher das Zeug kommt? Keine Ahnung! Eine gute Gelegenheit unseren Fahrer einmal zu fragen, ob er den Weg kennt und schon einmal dort war. Er lächelt und die Antwort ist kurz und knapp: Da! Net! Ich selber habe mich vorab zu Hause mit allen möglichen Ausdrucken aus Google-Maps und GPS-Daten eingedeckt. Hinzu kam noch der Straßenatlas, den ich am Vorabend in Moskau erstanden hatte. Und unserer Fahrer: Ein zerknittertes A4-Blatt als schwarz/weiser Ausdruck einer russischen Variante von Google-Maps. Das war alles! Und ich muss sagen: Toll gemacht. Nur ein einziges Mal verfahren wir uns. Es geht durch einen Ort, der die Kulisse für einen alten russischen Märchenfilm stellen könnte. Und plötzlich ist die Straße zu Ende. Weiterkommen nur mit Jeep oder Pferdewagen möglich. Kurzes Fluchen unseres Fahrers, aber schon hat er den Fehler korrigiert. Wir sind einfach ein paar hundert Meter zu früh abgebogen und sofort wieder auf der Hauptroute.

Später …
Nachdem wir von der Hauptstraße abgebogen sind, wird die Gegend immer verlassener. Irgendwann erscheint dann das Hinweisschild zur Gedenkstätte. Wir sind also richtig. In einem geradezu klischeehaften russischen Birken-Wäldchen mündet dann die Straße in eine Sackgasse – der Parkplatz. Eine kleine Holzhütte und … oh Wunder… es ist jemand da. Eine Babuschka verkauft für ein paar Rubel Ansichtskarten und kleine Souveniers. Wir steigen aus und gehen die letzten 300 Meter zu Fuß. Alles ist gepflegt und auch baulich in Schuss. Dann ein Stichweg nach links und wir sehen das Rondell mit dem Ehrenmahl. Alles ist sehr würdevoll gestaltet. An der Stelle, wo heute ein Obelisk steht, soll sich am 27. März 1968 die MiG-15UTI mit dem Piloten Gagarin und seinem Fluglehrer Serjogin in den Boden gebohrt haben. Über die Ursache des tragischen Flugzeugabsturzes wurde auch im Gagarin-Jahr viel geredet, geschrieben und spekuliert. Allein, ich werde mich an dieser Stelle nicht in die Ursachensuche mit hinein hängen. Tot ist tot! Und das sind leider die Fakten! Ich hole meine Sonnenblumen heraus. Sie passen ganz gut zu den unverwelkbaren Blumen, die dort schon liegen.

Nach einigen Minuten der Ruhe, Besinnung und stiller Einkehr baue ich das Fotostativ auf. Gruppenbild durch Selbstauslöser. Wir sind ja dort völlig allein. Nachdem ich mich von diesem Ort wieder losgerissen habe, fahren wir noch ein paar Kilometer weiter. Auf einem Bauernhof hat man eine MiG-15UTI aufgebaut. Beim fotografieren muss ich aufpassen, dass ich nicht ins Gehege mit den stattlichen Hühnern und dem Schafbock des Hofes komme. Für den fast schon symbolischen Eintrittspreis von 10 Rubel kann man in dem schönen russischen Holzhaus eine kleine Ausstellung besichtigen.
Bücher und kleine Souvenirs von Leuten, die hier zu Besuch waren. Darunter auch einige berühmte Namen. Gegenüber dem Hof erstrahlen die goldenen Türmchen einer Basilika. Ein Handwerker ist am Arbeiten. Ein guter Mensch (ein Sponsor) soll hier für die Verbindung zum Himmel sorgen – erzählt man. Ansonsten ist dort eine herrliche ländliche Ruhe.
Es ist Mittag. Ksenia drängt zum Aufbruch und zur Rückfahrt. Ich frage, ob wir noch einen kleinen Umweg/Abstecher machen können. Ich würde gerne in die Schule fahren, wo Gagarin seine Lehre in Moskau abgeschlossen hat. Zumindestens vermute ich das, dass es seine Berufsschule ist. Irgendwo im Industriegebiet im Osten von Moskau. Vor dem Gebäude steht ein Gagarin-Denkmal. Und genau von diesem hat man eine Kopie gefertigt, die jetzt feierlich enthüllt in London steht. Genau gegenüber der Statue von James Cock unweit des Trafalgar Square. Ksenia macht einen etwas entsetzten Eindruck. „Nein Andreeejase! Du hast keine Zeit! Du must heute noch in das Museum der Kosmonautik !!!“ Wieso??? Dieser Programmpunkt ist doch erst für Samstag Nachmittag angesetzt? Nein! Es geht wirklich nicht! Samstag soll ich angeblich keine Zeit dazu haben. Warum, werde ich bald erfahren. Die „Sonderveranstaltung“ für sehr gute Freunde heißt „Barbecue“. Zumindestens ist das die Übersetzung vom russischen ins englische. Ksenia spricht ausgezeichnet Englisch und mein Russisch tendiert gegen Null. Gut. Es ist ja kein Beinbruch, wenn das mit dem Gagarin-Denkmal nicht klappt. Eine Führung im Museum benötige ich auch nicht. Die Räumlichkeiten kenne ich noch von 2009. Ich möchte dort „nur“ einige Spezial- und Detail-Fotos von Raumanzügen machen. Also kein großes Problem.
Wir schaffen es, noch vor dem allgemeinen Ausbruch des Berufsverkehrskollaps wieder im Hotel zu sein. Ich ziehe zum Museum der Kosmonautik los. Gleich gegenüber dem Hotel zehn Minuten zu Fuß. Im Museum ein schwerer Dämpfer meiner Aktivitäten. Ich darf nicht mit Stativ fotografieren. Trotzdem bekomme ich alles in meinen Fotokasten, was ich wollte. Auch mit einer entsprechenden Qualität und Auflösung.

Am Abend treffen wir uns mit Ralph, Thomas und Hartmut. Sie sind ja an diesem Tag erst angereist. Es geht in die Innenstadt. Ksenia hat einen Tisch bestellt…… . Wiedersehensfeier…. .

Tag 3 – Freitag der 19. August 2011
Wir wollen zur MAKS 2011.

Was ist die MAKS ? Dazu folgender Link: http://de.wikipedia.org/wiki/MAKS
Unser Bus fährt einen gigantischen Umweg, um nicht in den „offiziellen“ Anreisestau zu gelangen. Später zu Hause macht es richtig Spaß, es noch einmal nachzuvollziehen, wo wir überall rumgekurvt sind. Nachfolgend ein Textbeitrag, den ich ursprünglich nicht für diese Seiten geschrieben hatte, der aber hier ganz gut rein passt.

„MAKS 2011 und die Suche nach der russischen Raumfahrt

Die MAKS 2011, Russlands große internationale Messe für Luft- und Raumfahrt sollte das Aushängeschild für die Leistungsfähigkeit der dortigen Luft- und Rüstungsindustrie werden. Zweifellos gelang das auch auf dem Gebiet der Militärluftfahrt. Die westliche Fachpresse stürzte sich auf den neuen Superjäger T-50 von Sochoj und seine Artverwandten. Wer lieber von Raketen schwärmte, konnte ein breites Arsenal an Kampfraketen besichtigen. Speziell bei Flugabwehrraketen gab es für jeden Einsatzfall, und bestimmt auch für jeden Geldbeutel das passende Gerät. Sei es die klassische Fla-Rakete auf gepanzerter Selbstfahrlafette oder im kompakten genormten Überseecontainer, kaum zu unterscheiden von Handelscontainern, wie sie zu tausenden auf den Weltmeeren unterwegs sind.
Wo aber war die Russische Raumfahrt vertreten? Der Vorreiter für die Eroberung des Kosmos?
Die Suche gestaltete sich etwas kompliziert.
Für den Besucher stand als erstes eine strenge Personenkontrolle auf dem Programm, wie sie auf Flughäfen nicht schärfer sein konnte. Sicherheit ging eben vor. Hatte man das Gelände endlich betreten, so fand man hinter dem Eingang nach einigen hundert Metern das erste mutmaßliche Exponat zum Thema. Da stand sie, die M-55 „Geophysica“ – ein Stratosphären-Forschungsflugzeug aus den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Ähnlichkeit mit der amerikanischen U2 war durchaus zu sehen. Vor Jahren hatte das Konstruktionsbüro Myasishchev zusammen mit der Firma Space-Adventures geplant, auf der M-55 huckepack einen Mini-Raumgleiter C-21 zu transportieren, um damit mit Suborbitalflügen im Weltraum-Touristengeschäft zu punkten. Auch auf der ILA in Berlin war die Konfiguration schon einmal präsentiert worden. In der Zwischenzeit ist es sehr still geworden um das Projekt. (1),(2). Das Wettrennen um die Suborbital-Touristen wird wohl Spaceship machen (3).
Am Ende des Flugfeldes konnte man in der Ferne dann eine WM-T Atland sehen (4). Dabei handelte es sich um eins von zwei umgebauten Bomberflugzeugen M-4, die speziell zum Transport von Teilen der Energija-Rakete und des Buran-Raumtransporters Ende der 80er Jahre entstanden waren. Die dort abgestellte Maschine soll sich im Besitz der ZAGI (Zentrale Aerohydrodynamische Institut) befinden.
Dann in der äußersten Süd-Ost-Ecke schlugen dann entlich die Raumfahrtfan-Herzen höher. Umringt von verschiedenen Flugzeugen, wovon die meisten nicht mehr alle Teile an Bord hatten, stand eine Buran.
Mit ein bischen Recherche ließ sich herausbekommen: Es handelte sich um das Modell 2.01 (OK-3K) (5). Dieses Exponat sollte ursprünglich restauriert und dann zur MAKS 2013 präsentiert werden. Wenige Wochen zuvor, am 23. Juni, wurde dann das Exponat über die Moskwa geschippert. Was dann folgte, ist leider kein Ruhmesblatt für die Präsentation des Stolzes der russischen Raumfahrt. Eher geriet die Buran-Ausstellung zur peinlichen Posse, die einem Fürst Patjomkin alle Ehre gemacht hätte. Die sich in einem optisch katastrophalen Zustand befundene Buran wurde auf der linken Seite schnell mit weißer und schwarzer Farbe zugespachtelt. Das musste sogar einem Laien auffallen, dass hier etwas nicht stimmen konnte. Offensichtlich reichte aber die Zeit nicht mehr, das ganze Exponat zu streichen. Also wurde es so an den äußeren Zaun gerückt, dass man nur die linke gemalerte Seite einsehen konnte. Sehr geschickt positioniert übrigens. Die unansehliche rechte Seite stand wie gesagt am Zaun, der von Milizionären bewacht wurde. Natürlich ließ sich das nicht verheimlichen. Im Zeitalter des Internets und Spottern, die sich auf jedes Detail solcher Exponate stürzen ist so eine Nachricht sofort raus, was dann natürlich Spott und Häme hervorbrachte. (7) Aber die Dreistigkeit war schon verblüffend.
Damit beschränkten sich schon die mutmaßlichen Raumfahrtexponate auf den Außenflächen.
Wo im Außengelände Exponate der Vergangenheit standen, sollten im Innenbereich etwas über Russlands Raumfahrtgegenwart und Zukunft zu finden sein. Die russische Raumfahrtagentur Roscosmos hatte einen eigenen Pavilion. In dieser Halle gestaltete sich die Suche nach Neuem, bedingt durch Unmengen von Menschenmassen, äußerst kompliziert. Zum neuen Kosmodrom in Wostotschny waren keine Informationen zu bekommen. Dafür stand aber ein Model des Sojus-Startplatzes in Kourou.
Prunkstück der Hallenausstellung war zweifellos das PPTS-Modell. PPTS, die Abkürzung steht für Prospective Piloted Transport System, geistert als der Sojus-Nachfolger ja schon lange in den Medien herum. Ausgestellt wurde eine Designstudie. Das hieß: Es waren kaum technische Details zu erkennen. Auffallende Neuerung: Im Gegensatz zu früherern Darstellungen war das Objekt jetzt ein reiner glatter stumpfer Kegel ohne seitliche Ausbuchtungen. Im Innenraum waren 6 Sitze in Zweiergruppen fast kreisförmig angeordnet. Alles wirkte sehr geräumig. Die Separierung von Teilflächen in der Kapsel war in diesem Modell völlig aufgegeben worden. Die Einstiegsluke wirkte unwirklich groß. Die Vermutung lag da nahe, dass diese Größe nur bei diesem Ausstellungsmodell zur Anwendung kommen würde. Erster geplanter Start: 2015.
Womit man gleich bei der Frage war: Womit wird das neue Raumfahrtzeug ins All gebracht? Von der dafür vorgesehenen neuen Trägerrakete RUS-M war weit und breit nichts zu sehen. Wer hier Mitte August die Zeichen der Zeit richtig gedeutet hätte, wäre von dem im Oktober verkündeten Stop der Entwicklung der RUS-M nicht überrascht worden. Statt dessen präsentierte sich das neue Raumschiff als Nutzlast, der schon seit Jahren in der Entwicklung stehenden Trägerrakete, ANGARA.
Zu Realisierungszeiten, bzw. gar Startterminen hielt man sich bedeckt. Nach vielen Höhen und Tiefen wollte man sich nicht in die Karten schauen lassen. Verständlich! Vermutliche Hauptursache für die Auskunftsbescheidenheit: Die chronische Unterfinanzierung russischer Raumfahrtprojekte. Es gab viel bunte Bilder auf Hochglanzpapier, dafür aber wenig konkrete Informationen oder gar belastbare Realisierungstermine.
Welchen Weg man in dieser Situation auch gehen will, um die finanziellen Mittel aufzutreiben, konnte man direkt auf dem Stand von RKK ENERGIA, dem Russischen Raumfahrtzeughersteller, besichtigen. Die Firmen Space-Adventures und Orbital-Technologies (8) stellten touristische Nutzungsmöglichkeiten vor. Zum einen war eine Mondumrundung mittels eines modifizierten Sojus-Raumschiffes mit einer Traktorstufe zu sehen. Diese Konfiguration ähnelte stark dem in den frühen 60ern noch unter S.P.Koroljew entwickelten ersten Sojus- und Mondumrundungskonzepten. Aber das sollte nicht abwertend gemeint sein. Es ist zwar keine neue, aber gründlich durchdachte Variante eines Mondfluges. Auch hat das Sojus-Raumschiff seinen Ursprung im geheimen sowjetischen Mondflugprogramm der 60er Jahre. Technisch erscheint also dieses Projekt durchaus umsetzbar. Problem wird wie immer die Finanzierung sein.
Und dann gab es noch das Projekt „Commercial Space Station“ (CSS). Vorgestellt als komerzielle Raumstation. Was darunter zu verstehen war, konnte man im Prospektmaterial lesen. Ein Raumstationsmodul in etwa der Größe eines ATV’s als Weltraum-Hotel, als Forschungsstation für private Firmen und (Man höre und staune!) als Rettungsinsel für gestrandete Kosmonauten/Astronauten, zum Beispiel bei einer eventuell notwendigen Evakuierung der Internationalen Raumstation ISS. Man erinnere sich an so manches Problem mit herumfliegenden Weltraumschrott in Richtung ISS. Also eine ernst gemeinte Idee. Die Flugbahn soll in etwa der der ISS in einer Höhe von 350 Kilometern entsprechen. Geplante Einsatzbereitschaft 2016. Als Zubringer dienen Sojus- und PPTS-Raumschiffe. Zahlungskräftige Interessenten soll es bereits geben. Auch hier bleibt abzuwarten, ob den Verantwortlichen für dieses Projekt nicht auf dem Weg zum Ziel die finanzielle Puste ausgeht.
Am anderen Ende der Halle hatte sich die Firma Air Launch eingerichtet. (9). Auf einem Großen Monitor und in vielen bunten Hochglanzprospoekten wurde eine nicht ganz neue Idee präsentiert. Von einem Flugzeug wird eine Trägerrakete gestartet. Durch den nahezu frei wählbaren Startpunkt ist quasi eine optimale Balistic für einen Start möglich. Als Startplatform soll eine AN-124 dienen. Die Rakete wird aus einem Container aus der geöffneten Heckklappe ausgestoßen und dann im freinen Fall gezündet. Das System ist zweistufig. Ähnlichkeiten der Erststufe mit U-Bootraketen sind bestimmt nicht zufällig. Die zweiten Stufe soll auf der Drittstufe der Sojus-Trägerrakete basiert sein. Einer der Shareholder der Gesellschaft ist übrigens die Transportfluggesellschaft Polet Airlines. Damit wäre die Flugzeughardware schon geklärt. Es gab viele bunte Bilder. Sehr engaschierte Fachleute, die versuchten die Messebesucher für ihre Ideen zu begeistern. Aber es gab keine verbindlichen Realisierungstermine.
Zum Schluss: Allen, ob nun von den großen staatlichen Konzernen oder von kleineren privaten Firmen waren folgende Dinge gemeinsam:
Es waren sehr engaschierte Projekte. Es steckte viel wissenschaftliche kreative Arbeit darin. Bei allen Projekten war die Achillesferse die Finanzierung.
Bleibt zu hoffen, dass Russland seine wichtigsten Vorhaben, eine neue Trägerrakete, ein neues Raumschiff und ein neues Kosmodrom in den gesteckten zeitlichen und finanziellen Rahmen erfolgreich durchführen kann.

Bilder/Text: Andreas Weise“(Der Beitrag erschien in abgewandelter Form in Raumfahrt-Concret.)

Zum Schluß und an dieser Stelle möchte ich mich noch einmal bei unseren Mitreisenden im Bus, die im hinteren Teil saßen, offiziell entschuldigen. Als wir mit dem Bus auf der Rückfahrt nach Moskau ins Hotel waren, sind wir für mich völlig überraschend am ZAGI (Zentrale Aerohydrodynamische Institut) vorbei gefahren. Kurzzeitig (Es waren Bruchtele von Sekunden) war ein Teil des riesigen Windkanals T-105 zu sehen. Auf meinen Brüller im Bus „Köpfe runter !!!“ hatten tatsächlich alle, die in der Fotoschußlinie saßen sofort reagiert. Also nochmals Dank und Entschuldigung für den „Kommandoton“.

Tag 4 – Sonnabend der 20. August 2011
Monino – Was ist Monino?

Dazu der folgende Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Zentrales_Museum_der_Luftstreitkr%C3%A4fte_der_Russischen_F%C3%B6deration
Es gibt viele Seiten und Bilder zu Monino im Netz: Das scheint die offizielle Seite zu sein: http://www.monino.ru/

Es ist ein verregneter Tag – leider. Früh am Morgen das übliche. Frühstück im Hotel und dann rein in den Bus. Es geht in Richtung Osten aus Moskau heraus. Das Zentrale Museum der Luftstreitkräfte der Russischen Föderation, so der offizielle Name liegt etwas verborgen.
Als erstes werden wir in einen großen Hanger geführt. Hier befinden sich Exponate der russischen und sowjetischen Militärluftfahrt bis 1945. Alles ist neu instand gesetzt.Die Exponate sind sehr gut restauriert.
Danach geht es auf die gegenüberliegende Seite auf die große Freifläche. Dort stehen die Großexponate, so wie man sie seit Jahren von Bildern aus Monino kennt.
Und hier gilt es sich die (Raumfahrt-)Perlen zwischen den vielen Exponaten heraus zu suchen. Ich selber hatte mir vorgenommen, drei Exponate spezieller anzuschauen.

…… Text mit Bildern …….

Die Führung durch Monino ist beendet.
Unsere Reisegruppe trennt sich auf. Die meisten fahren mit dem Bus nach Moskau ins Museum der Kosmonautik. Fast alle fliegen am Abend dann schon nach Hause.
Einige Freunde, darunter auch ich, sind ins Sternenstädtchen eingeladen. Ksenia hatte mich ja schon vorgewarnt. Ein schon betagtes Taxi der Automarke Wolga steht bereit. Es geht zu einer kleinen Feierlichkeit. Barbecue auf russisch. Es wird wirklich typisch russisch! Es wird viel zu essen geben, … , auch viel zu trinken. Und wir werden mit alten und neuen Freunden an einem Tisch sitzen. Es wird spät, sehr spät werden. Und es wird für uns eine große Ehre sein – diese Einladung.
(Das Folgende ist privat und nichts für diese Seite… !)

Tag 5 – Sonntag der 21. August 2011
Abreisetag

Es ist ein verregneter Tag in Moskau. Genau das richtige Wetter zum Abschied nehmen. Die Nebenwirkungen der Feierlichkeit vom Vorabend fallen nicht so schlimm aus, wie befürchtet. Ich habe gut geschlafen und Kopfschmerzen habe ich auch keine. Einige Freunde bleiben nach bis zum Abend. Ich nehme die Vormittagsmaschine von Wnukowo. Es ist ein verregneter Sonntag Vormittag. Für Moskauer Verhältnisse ist auf den Straßen wenig los. Der bestellte Transfer bringt mich auf direktem Weg Richtung Süden zum Flughafen. Es läuft alles easy ab. Kein Stress an der Passkontrolle und für den Kauf einer großen extrafeinen Flasche Russian Standard im Duty-Fee-Shop ist auch noch Zeit. Es regnet. Nein, diesmal kommt kein Wehgefühl auf, wie bei den letzten beiden Russlandreisen. Es ist vom Gefühl so ähnlich wie mit dem Lied von Marlene Dietrich „Ich hab noch einen Koffer in Berlin“. In meinem Fall steht er hier. Trotz aller Sprachhindernisse und regionalen Besonderheiten. Ich bin mir (fast) sicher:
Im nächsten Jahr 2012 sehen wir unsere Freunde in Russland wieder.

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Veröffentlicht August 30, 2011 von freundederraumfahrt in Reise- und Ereignisberichte

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