DAS Gagarin-Buch … zum 50. Jahrestag des Fluges

“Heute 6:07 UT” – erscheinen im Projekte-Verlag Halle (Saale)
die Buchkritik von Andreas Weise,
(veröffentlicht unter freunde-der-raumfahrt.de und in gerhardkowalski.com unter Rezensionen und Meinungen)

Ich vertrete ja die Meinung, dass es möglich ist, durch intensives Zusammen- und Abschreiben aus den verschiedensten Quellen im Internet, gewürzt mit etwas eigenem Statement, ein so genanntes „Sachbuch“ zum Thema bemannte Raumfahrt schnell zusammen zu schreiben ohne das man jemals überhaupt eine Rakete gesehen hat, einen Kosmonauten/Astronauten gesprochen hat oder sonst wie irgendwelche Ahnung von der Materie besitzt.

In so manchem „Fachartikel“ zum Gagarinjubiläum merkte man schnell, ob es sich um Fastfoot-Journalismus handelte, oder ob der Autor auch wirklich wusste, worüber er da gerade schrieb. Manche Veröffentlichung im deutschsprachigen Raum triefte geradezu von Detailfehlern und Ungenauigkeiten. Auch hatte ich den Eindruck, wenn von den neuen „Enthüllungen“ über die Pannen und Schwierigkeiten rund um den Flug von Wostok-1 berichtet wurde, immer so ein bisschen der Unterton der Häme mitschwang.

Völlig zu unrecht ! Denn mit jedem Detail des Fluges, was jetzt veröffentlicht wird, wird die Leistung des Fluges von Wostok-1 mit Gagarin als Frontmann und dem Kollektiv von Wissenschaftlern und Technikern im Hintergrund nur noch größer und bedeutender zu bewerten sein.

Nun hat Gerhard Kowalski genau zum 50.Jahrestag von Gagarins Raumflug sein neues Buch vorgelegt.

Eins kurz vorweg: Nein, die Geschichte der bemannten Raumfahrt muss nicht umgeschrieben werden. Wer also in Gerhard Kowalskis neuem Buch das bis dato mutmaßlich superstrenge super geheime Geheimnis der Geheimnisse gelüftet haben will, wird enttäusch.

Doch beim genauen lesen stellt man fest: Dieses Buch bietet ungemein viel Einzel- und Detailwissen an. Und das sehr spannend präsentiert. Das liegt in erster Linie am Autor selber. Kowalski ist ein intimer Kenner der sowjetischen und russischen Kosmonautik, hat jahrzehntelange persönliche Kontakte zu entsprechenden Personen und Institutionen aufgebaut. Auf Grund seiner Sach- und Sprachkenntnisse, sowie seiner Sprachgewandheit öffnen sich so manche Türen und Herzen verschiedenster Protagonisten und damit Informationsquellen aus erster Hand. Kurz: Der Mann weis, was er schreibt und worüber er schreibt. Hört sich simpel an, ist aber leider nicht immer die Regel auf dem hiesigen Büchermarkt.

Das Buch selber ist keine Gagarin-Biographie, wie manchmal falsch vermutet. Das ist erfreulich, würde doch die Ausbreitung des kompletten Lebenslaufes von Gagarin von seiner Geburt, Kindheit, Lehre etc. viel umfangreicher und vielleicht auch ermündender ausfallen und hätte ja auch wenig mit der Raumfahrt zu tun. Vielmehr wird der Zeitraum 1960 bis 1968 mit den Ereignissen rund um Gagarin analysiert. Das alles ist mit scharfer Zunge formuliert und sehr informativ.

Schon einmal hatte Kowalski versucht alle bekannten Fakten rund um den Gagarin-Flug in einem Buch zusammen zu fassen. „Die Gagarin-Story“ (Mit dem reißerischen Buchtitel war der Autor nie glücklich.) galt lange Zeit als das Standartwerk zum Thema. Nun stammte die letzte überarbeitete Auflage aus dem Jahre 2000. Der Autor erhielt seinerzeit nicht nur viel Zustimmung, sondern vereinzelt auch, sagen wir mal diplomatisch, einige verbale Unmutsbekundungen von DDR-Raumfahrtfans über manche Passage in diesem Buch. Auch gibt es mittlerweile neuere, präzisere Erkenntnisse, Bewertungen und Sichtweisen. Insofern bedurfte die „Die Gagarin-Story“ einer gründlichen Überarbeitung. Und wer Kowalski kennt, weis, dass er sehr gründlich ist. Und das ganz speziell, wenn es um Gagarin geht.

Ich habe sein neues Buch jetzt einmal durch gelesen (und bestimmt nicht das letzte mal). Also hier kurz der erste (!) Eindruck.

Für alle Leser, die sich dem Thema Gagarin zum ersten Mal nähern wollen und die „Gagarin-Story“ nicht gelesen haben, ist dieses Buch eine Fundgrube. Kowalski hat wirklich alles, was zum Stichtag 12.April 2011 bekannt ist, versucht zusammen zu fassen und zu Papier zu bringen. Der aufmerksame Leser taucht nicht nur um die Ereignisse rund um den ersten bemannten Weltraumflug ein, sondern erfährt auch viel von der Atmosphäre, den Bedingungen, die zur damaligen Zeit in der Sowjetunion herrschten. Nebeninformationen ohne die eine objektive Bewertung der gagarinschen Ereignisse heute nicht möglich ist. Geduldig erklärt der Autor, warm die Ereignisse so abliefen und nicht anders, welchen sachlichen und ideologischen Zwängen, die handelnden Personen unterworfen waren. Insofern ist mit dem vorliegenden Buch ein neues Standatwerk zum Thema „Gagarin und der erster bemannter Raumflug“ präsent, was in seinem Umfang und seiner Detailgenauigkeit seines Gleichen sucht.

Nun zu dem Leserkreis, die sich schon seit Jahren mit der Geschichte der bemannten Raumfahrt beschäftigen. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob man das vorliegende Werk eine stark überarbeitete Neuauflage der „Gagarin-Story“ nennen sollte, oder ob man von einem eigenständiges neues Buch sprechen kann. Ich tendier zu ersterem, obwohl viel Neues und neu bewertetes drin steht. Ab und zu geht Kowalski auch direkt auf die „Gagrin-Story“ ein. Erläutert, warum dort das so gestanden hat, welche Missverständnisse es gegeben hat. Das kommt speziell bei der Problematik der Gagarin-Fallschirmlandung zum Ausdruck. Der aufmerksame Leser wird mit einer Flut von Namen, Ereignissen und Zeitdaten bombardiert ohne dass die Lektüre langatmig wird. Ich selber habe mich dabei ertappt, wie ich alte historische Fotos aus meinem Archiv zu den beschrieben Ereignissen zugeordnet habe. Einiges ist mir gelungen, anderes nicht. Aber man wird miteinander reden und diskutieren und zu Erkenntnissen kommen. Was auffällt ist, das das Buchmanuskript offensichtlich unter einem enormen Zeitdruck entstanden ist. Teilweise hatte ich den Eindruck, das der rote Faden doch ganz schön im Zick-Zack lief und bekannte Abschnitte aus der Gagarin-Story mit neuen Textabsätzen sehr schnell ergänzt wurden. Da „holpert“ das Buch ein wenig. Aber das ist eben auch der Tatsache geschuldet, dass der Autor wirklich auf alles eingehen wollte. Hier wieder hole ich mich.
Die wenigen Unklarheiten, (wenn es überhaupt welche sind) die mir persönlich aufgestoßen sind, werden bestimmt in einer überarbeiteten Auflage geklärt sein. Dann gibt es auch neue Erkenntnisse und neues zu berichten.
„Nach dem Buch ist vor dem (nächsten) Buch…!“

Gut finde ich auch, dass der Autor auf den Text begleitende Fotos verzichtet hat. Wer sich einmal mit dem Durcheinander rund um gagarinsche Fotos beschäftigt hat, weis, dass eine richtige Auswahl bestimmt nicht leicht gefallen wäre. Von den lizenzrechtlichen Aspekten ganz zu schweigen. Somit besteht die Möglichkeit, sich voll auf den Textinhalt zu konzentrieren. Die handvoll Fotos im Buchanhang hätten völlig weggelassen werden können. Sie sind von Inhalt und Qualität vernachlässigbar. Vielmehr hätte anstelle dieser Bilder eine Grafik des Wostok-Raumschiffes, der Trägerrakete und Kartenskizze der Flugdaten hinein gepasst. Es ist ja auch die Problematik, das Buch für den Leser preislich attraktiv zu gestalten. Viele gute Bücher werden nicht gekauft, weil sie einfach zu teuer sind.

Fazit: Das vorliegende Buch ist ein Muss für jeden Raumfahrtinteressierten in Ost und West – gerade im Gagarin-Jahr.
Insofern: Sehr empfehlenswert.

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Veröffentlicht April 1, 2011 von freundederraumfahrt in Bücher, Kolumnen

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