Baikonur * TMA-17 * Moskau * 12.2009

Ladeburg, 10.01.2010 (Überarbeitet: 07.02.2010)
veröffentlicht unter http://www.freunde-der-raumfahrt.de , 2009

===================================================================
Reisebericht „Baikonur vom 18.12.2009 bis 24.12.2009“
von Andreas Weise

Lieber Leser!

Sie denken darüber nach, einmal nach Baikonur zu fliegen? Also Dr. Sigmund Jähn meinte zu mir: „Ich weiß nicht was Ihr da wollt. Da ist doch nichts …!“ Und recht hat er! Von einem gewissen Standpunkt betrachtet. Da ist flache Steppe. Bis zum Horizont Öde, Öde, Öde! Keine Bäume, nur Steppe. Dort sagen sich buchstäblich wilde Kamele und Steppenfüchse gute Nacht – selber gesehen! Also überlegen Sie es sich genau. Wollen Sie nur mal kurz in die Raumfahrt reinschnuppern, dann können Sie zum Beispiel in Florida zwischen Disney-Land und Keywest-Sonnenuntergang mal eben schnell auch das Kennedy-Space-Center für einen halben Tag einschieben. Ist wirklich toll. Ehrlich! Oder Sie schauen in Moskau mal in das neue Museum der Kosmonautik rein.

Wollen Sie aber mehr? Sind Sie Raumfahrtbegeisterter und wollen einmal auf raumfahrthistorischen geheiligten Boden wandeln? Sind Sie dafür bereit, den Komfort einer Pauschalurlaubsreise zu vergessen? Sind Sie bereit ins (fast) Ungewisse zu fahren?

Dann sind Sie hier genau richtig! Egal, was Sie erleben werden…. Es wird unvergesslich sein.

Die Reise beginnt an einem September-Abend des Jahres 2008 in einer Hotelbar in Korljow bei Moskau. Die Reisenden haben gerade eine Besichtigung des Sternenstädtchens und des Flugleitzentrums hinter sich und wollten am nächsten Tag das Werksmuseum von ENERGIA besuchen. An diesem Abend nach einigen Vodkas fragt jemand: Können wir diese Unternehmung noch toppen? Na klar, wir fahren nach Baikonur zu einem Raketenstart! Nach einer langen Diskussion über Für und Wieder erklärt der mitgereiste Chef von TUK, er werde mal sehen, was möglich ist… . TUK, oder besser „Touristik und Kontakt International“ hatte schon bei zwei Reisen in das Sternenstädtchen sein Organisationstalent als Reiseveranstalter für ausgefallene Reiseziele bewiesen. Die Chancen standen also gar nicht sooo schlecht.

Über ein Jahr später findet sich der größte Teil der Reisegruppe von 2008 wieder. Das ist insofern Klasse, weis man doch, mit wem man zusammen ist. Die wenigen unbekannten Gesichter werden schnell integriert und so gibt es auf der einen Seite immer jemanden, der was interessantes zu erzählen hat und auf der anderen Seite immer aufmerksam lauschende Zuhörer. Eine perfekte Mischung. Vorausgegangen waren über ein Jahr Planung bei TUK, mindestens dreimal Terminänderungen wegen Startverschiebung der Sojus TMA-17. Die soll es nun sein, zu deren Start wir reisen. Programmablauf-Änderungen – andauernd. Der ISS-Flugplan ist ja sehr dynamisch. Aber ein gewisses Risiko für den Ablauf ist allen klar.

Für mich liegt auch wochenlange, meine Frau meint genervt, sogar monatelange Planung hinter mir. Bei Google-Map mit den Örtlichkeiten vertraut machen, Fluggesellschaft und Flieger vorab begutachten u.s.w.. Das wichtigste ist aber: Das Wetter! Wir sind im Dezember dort. Also gibt es doch tatsächlich ernst zu nehmende Bekannte und Freunde, die da was von möglichen Minus dreißig Grad erzählen. Einige davon müssen es wissen, denn sie waren schon einmal da. Dr. Jähn meinte nur, es könne wirklich kalt werden. Tolle Auskunft! Also bereite ich mich auf den Extremfall vor. Ständig wird im Internet die aktuelle Wetterlage abgefragt. Die neue Digitalkamera soll nur bis minus 20 Grad funktionieren? Wie halten die Akkus? Bastele ich ein zusätzliches Batterie-Pack? Was ziehe ich an? Also einfach zu Jack Wolfskin in den Laden und eine Ausstattung für eine Nordpolarwanderung kaufen wäre das einfachste und schnellste. Ich entscheide mich dann aber doch für die Individuallösung: Eine Thermohose mit Beintaschen für Fotokram und Reisepass von C&A für 16,95€, Winterstiefel mit Klettverschluß zum schnellen Öffnen beim Ausziehen bei der Flughafenkontrolle in Russland von Deichman für 19,95€ und eine superwarme Winter-Daunenjacke von Strauss für – naja die war etwas teurer… .Hinzu kommt noch eine schöne graue Schapka aus original sibirischem Webpelz aus dem Online-Armeeversand und natürlich die gute Thermo-Unterwäsche zusammen mit einem Pfund Kaffee bei einer namhaften Kaffee-Händler gekauft. Die Fotoausrüstung steht irgendwann auch. Das Einbeinstativ mit selbst gebastelten Kinokopf für nachführbare Digi-Cam und Fotoapperat. Dazu eine fest montierte zweite digitale Handmini-Cam. Zusätzlich wird die 30 Jahre alte Practika-MTL-Spiegelreflex mit viel Aufwand wieder flott gemacht. Das Alu-Einbeinstativ wird von mir extra mit Schaumstoff in Griffhöhe isoliert. Man will ja nicht anfrieren am blanken Metall. Dazu kommen noch für 4,99€ fingerfreie Handschuhe, die auch als Fausthandschuhe sofort umgewandelt werden können. Also wenn nur ein Bruchteil der Technik und Ausrüstung funktionieren sollte, wäre ich schon zufrieden. Speicherkarten und Filme. Wochen vorher ist bereits alles im Arbeitszimmer ausgebreitet und bereit gelegt. Mein Sohn schüttelt nur den Kopf und mein, sein Vater entwickele langsam paranoide Züge. Ich muss erst einmal im Wörterbuch nachlesen, was er meint. Recht hat er! Vorfreude, schönste Freude!

Am 18. Dezember 2009 um halb eins in der Nacht geht es wirklich los. Der Aeroflot-Airbus hebt nach Moskau ab.

Die Maschine voll, an Schlaf kaum zu denken. Neben mir schnattern zwei russische Damen voller Vorfreude, bald zu Hause zu sein. Zweieinhalb Stunden später der Anflug auf das nächtliche Moskau, Airport Scheremetjewo. Eine „Goldene Stadt“ liegt unter uns. So viele Lichter habe ich noch bei keinem Nachtanflug gesehen! Dazu alles in Schnee gehüllt. Dann die übliche Passkontrolle bei der Einreise. Unangenehm. So mancher hat bereits an dieser Stelle von Russland die Nase voll. Aber da muss man eben buchstäblich durch. In der Empfangshalle wartet dann schon unsere deutschsprachige Begleitung in Moskau. Bei Minus 23 Grad Celsius geht es dann zu einem gut gewärmten Bus. Es folgt der Transfer über den nächtlichen Autobahnring zum Flughafen Domodedowo. Dieser ist größer, übersichtlicher und weltoffener als Scheremetjewo – ein richtiger internationaler Großflughafen. Hier empfiehlt es sich, einige Euros in Rubel zu tauschen. Wer weis, ob das in Baikonur auch so schnell möglich ist. Kaum in Rußland angekommen reisen wir auch schon wieder aus. Übrigens die Diskussion über Ganzkörperscanner wird in Moskau nicht geführt. Die Dinger sind dort bereits im Einsatz. Ohne Diskussion.

Es geht mit einem Linienflug der Ural Airlines nach Baikonur in Kasachstan.

Die Maschine ist überdurchschnittlich gut geheizt, der Service an Bord der TU-154 ist o.k.. Manch Eigenheit ist zu belächeln, so zum Beispiel das Handtieren der Stewardess mit einem Teekessel voller heißem Wasser für Tee und Kaffee. Auch entspricht die nette Dame in ihren Abmessungen nicht unbedingt dem Idealmaßen einer schlanken, dürren und jungen Stewardess in Mitteleuropa. Aber man ist ja auch in Russland, Essen schmeckte, der Tee wird nach geschenkt und der gebotene Service an Bord brauchte sich nicht vor Lufthansa und Co. zu verstecken. Im Gegenteil! Und der Flieger selber scheut in punkto Beinfreiheit und Triebwerks-Lautstärke den Vergleich mit einem Airbus nicht.

Nach etwa drei Stunden Flug und mit 5 Stunden Plus-Zeitverschiebung zu Berlin dann der Landeanflug auf Baikonur-Airport. Vorher immer ein banger Blick aus dem Fenster. Wie wird das Wetter sein? Regen war angekündigt, auch Schneefall. Das ganze bei Null bis minus 10 Grad. Nun gut, ich hatte ernsthaft bis minus 30 Grad gerechnet. Es war ja Dezember. Doch dann: Die Wolkendecke reist auf. Sonne – und – eine Mondlandschaft. Bis zum Horizont alles braungrau und flach. Eine einzige Platte.

An dieser Stelle sei auf folgendes hingewiesen: Baikonur ist kein Urlaubsort. Bis vor einigen Jahren war alles geheimstes militärisches Sperrgebiet. Und die Militärs, sei es das Kasachische am Flughafen oder das Russische im Kosmodrom haben nach wie vor das Sagen. Also wenn gesagt wird: „Nicht fotografieren“, dann sollte man sich auch daran halten. Das gilt besonders für Kontrollpunkte des Militärs. Andernfalls kann es unangenehm werden und wer will schon riskieren das günstigsten Falls nur der Film oder die Speicherkarte abgenommen wird. In fast allen solchen No-Foto-Area’s konnte man dann doch irgendwie einige Bilder mit bewussten Wegschauen der Ordnungshüter machen. Es ist einfach eine Frage des Gespürs, den Gastgeber nicht zu brüskieren und seine Anweisungen zu befolgen. Manchmal hilft schon ein Lächeln und ein mit auf das Gruppenfoto nehmen. Rückblickend kann ich sagen: Bei uns wurde immer freundlich weggeguckt.

Zurück: Nach der nicht ganz logisch ablaufenden Gepäckkontrolle ist man in Kasachstan. Der Bus wartete schon und es geht mit deutschsprachiger Reisebegleitung nach Baikonur ins Hotel. Die Stadt mit etwa ca. 70 tausend Einwohner ist eingezäunt. Diesmal ein russischer Kontrollpunkt. Baikonur, die Stadt und das Kosmodrom, hat einen Sonderstatus. Territorial zu Kasachstan gehörend ist das Areal von Russland gepachtet. In Baikonur leben Russen und Kasachen. Die Kasachen sollen die Mehrheit stellen. Man bezahlt hauptsächlich in Rubel. Die Stadt macht für russische Provinz-Verhältnisse einen sehr gepflegten Eindruck. Gebäude, die nicht in Nutzung sind, werden zugemauert. Andere Gebäude sind modernisiert. Es gibt Neubauten und Wohnhäuser aus den 60er Jahren. Man erahnt, dass im heißen Sommer mit viel Mühe um jedes Stückchen Grün, um jeden Baum mit extra gelegten Wasserleitungen gekämpft wird. Es sieht sauber aus. Die Menschen, die hier wohnen scheinen alle Arbeit zu haben. Logisch, wer keine Arbeit hat, geht aus dieser Einöde weg. In kleinen Ladengeschäfte, die Magasins, gibt es alles, was man zum Leben braucht. Wasser, Cola, Bier, Wodka, Fisch, Brot, Schokolade u.s.w.. Einer in der Nähe des Hotels hat sogar bis 24 Uhr geöffnet. Alle Straßen sind rechtwinklig zur Nord-Süd-Achse angeordnet. Verlaufen fast unmöglich. In der Stadt kann man sich frei bewegen. Es gibt keine Probleme. Touristen sind offensichtlich noch eine Seltenheit. Die Kinder auf der Straße setzen sowieso alle „Fremden“ mit „Amerikanski“ gleich. Wer weder Russe noch Kasache ist, gehört irgendwie als Ausländer zum Tross einer Weltraum-Mission. Wenn man sozusagen im Gebiet drin ist, gehört man dazu. Irgendwie ein komisches Gefühl. Zur Reisevorbereitung empfiehlt sich ein Blick in Google-Map oder Google-Earth und da in Baikonur. Man kann wirklich alles sehen, man muss es bloß richtig deuten.

Dann einchecken im Hotel Tsentralnaya. Die Zimmer klein, einfach, sauber, mit Klimaanlage, Kühlschrank, Fernseher, Telefon, Dusche… . Völlig o.k.. Gewöhnungsbedürftig ist die Heizung. Bei gefühlten 25 Grad plus konnte ich nicht schlafen. Die Heizung läst sich aber nicht regeln, geschweige denn abdrehen. Die Lösung: Bei minus 15 Grad Außentemperatur hervorragend bei offenem Fenster schlafen! Das ist ein Erlebnis! Man schläft wirklich phantastisch! Essen gibt es dann im Restaurant St. Petersburg, mit dem Bus zu erreichen, etwas abseits des Hotels. Im Hotel ist man offensichtlich hauptsächlich auf Dienstreisende und nicht auf Touristen eingestellt. Und für den Abend gibt es ja das Magasin um die Ecke, wo man sich dann mit einer Flasche Vodka und anderen Getränken mit Freunden abends im Hotel zusammen setzen kann. Der Vodka ist für unsere Verhältnisse spottbillig. Übrigens, das sei kurz bemerkt: Ich habe während der ganzen Reise nicht einen Volltrunkenen erlebt! Nicht einen!

So, wir sind da, kämpften mit dem Jetlag, der Zeitumstellung. Also am Abend noch mal kurz raus und dann ins Bett. Auf dem Platz vor dem Hotel steht Lenin übergroß und schien den Weg zu weisen. Gen Norden. Dort liegt das Kosmodrom. Die nächsten Tage würden anstrengend werden…. .

Zweiter Tag: Nach dem Frühstück geht es gleich mit dem Bus senkrecht in Richtung Norden raus. Das Kosnodrom hat in etwa die Ausdehnung des Berliner Autobahnringes. Die Straße ist holprig. Schnelle Busfahrt oder gar Fotografieren aus dem fahrenden Bus fast unmöglich. An der nördlichen Stadtgrenze der erste und vermutlich wichtigste Kontrollposten. Die Einfahrt zum Kosmodrom. Man fährt durch Steppe. Eigentlich ist das ja fast eine Wüste.

Bis zum Horizont nichts zu sehen. Ab und zu ein paar verlassene Häuser. Technologische Anlagen sind zu erahnen. Wenn ein Objekt nicht mehr in Nutzung ist, dann schließt man es ab und lässt es eben stehen. Was sonst ?! Platz ist genug da. Irgendwann erscheinen dann auf der rechten Seite die zwei großen Parabolantennen des Launch tracking center. Dann irgendwann nach einem weiteren Kontrollpunkt biegen wir rechts ab. Zwischen Gebäuden, die zum ENERGIA-Konzern gehörten, ist das Museum Baikonur. Hier wird erst einmal die Freifläche gestürmt. Hauptanziehungspunkt: Eine Buran: Ein Exemplar zu Trainingszwecken. Offensichtlich hatt man sich ein Herz gefasst, und die auf der Freifläche herum gammelnde Buran restauriert und in das Museum integriert. Im Inneren kann man sogar das Cockpit besichtigen. Draußen stehen noch einige andere interessante Dinge herum. Zum Beispiel der Kommandopanzer von Koroljow. Im toprenovierten Museumsgebäude selbst erfährt man vieles über das Kosmodrom und die Stadt Baikonur. Ich will nicht alles verraten. Aber die Originalkontrollpulte der R-7 Startanlagen waren für mich sehr beeindruckend. Überhaupt an dieser Stelle einige Worte zu den Museen in Baikonur allgemein. Wir sollten ja einige besuchen. Touristen sind, wie schon gesagt, offensichtlich nicht gerade häufig in der Stadt. Eigentlich sind gar keine so richtig da. Die Museen sind somit mehr ein Spiegelbild für die Gäste der Weltraummissionen und der dort beschäftigten Personen. Man betont die historische Entwicklung. Zeigt den entbehrungsreichen Aufstieg des Kosmodroms, die Wurzeln, die Siege, aber auch die Niederlagen. Man betont die russisch-kasachische Zusammenarbeit. Nur selten habe ich pathetische Darstellungen aus sowjetsozialistischen Zeiten gesehen. Man ist sich der Geschichte mit allen Höhen und Tiefen voll bewusst und das zeigt man auch mit Recht und Stolz. Alles in allem bin ich über die Gestaltung aller Museen, die wir besuchen sehr positiv überrascht. Es ist nie langweilig und meistens müssen unsere Gastgeber uns zur Eile drängen, sonst würden wir wahrscheinlich vor mancher Vitrine immer noch stehen und fachsimpeln.

Zurück zum Ablauf: Anschließend geht es raus zu den restaurierten Häusern von Gagarin und Korlojow. Dazu braucht man eigentlich nichts zu sagen. Für einen Nichtraumfahrtfan sind das zwei kleine armselige Hütten. Für uns aber ist das geheiligter (Raumfahrt-)Boden. Zurück zum Bus und weiter. In der Ferne ist die Sojusträgerrakete mit der TMA-17 auf dem Startplatz 1 zu sehen. Sperrgebiet zur Zeit. Man bereitete den Start vor.

Wir wissen zwar nicht so recht, was unsere Gastgeber nun vor haben, aber sie haben etwas vor. Nie ist Leerlauf. Wir sehen ein fuchsähnliches Tier vor unserem Bus davonjagen. Es geht durch die Steppe, durch das Nichts bis zum Horizont zu einem großen, breit ausladenden Gebäude. Da optische Gößenvergleiche fehlen, wird die Größe des Gigantischen Gebäudekomplexes erst begreifbar, als wir davor stehen. „Bitte hier nicht fotografieren“. Die Aufforderung ist eindeutig. Wir sind vor dem MIK-112-Gebäude, wo einst die N1-Trägerraketen und später die Energia-Buran zusammen gebaut wurden. Im Gebäude zeigt man uns eine Montagehalle mit zweieinhalb kompletten Sojus-Trägerraketen. Vermutlich werden hier französische Satelliten mit Sojus-Raketen komplettiert. Oder wir haben eine Progeß-Montage vor uns. Egal, es ist gigantisch und beeindruckend. Und plötzlich darf man auch einige verstohlene Fotos knipsen. Das kommt einem Dammbruch gleich. Alle fotografieren wild drauf los. Was man hat, hat man. Es wird zum Gruppenbild vor Trägerrakete gebeten. Die schönste Dame des jeden unserer Schritte beobachtenden Wachpersonals wird buchstäblich hinzugezogen und auf dem Gruppenbild verewigt. Mit gefangen, mit gehangen. Verbrüderung oder einfach nur eine freundliche dankbare Geste an den Gastgeber. So etwas kommt an und sorgt für ein freundliches Klima.

Dann im Eilschritt zum Essen in die Werkskantine. Als Hauptgericht gibt es Borsch. Das Einzigste mal während der gesamten Reise, dass ich nicht aufesse. Ist eben nicht mein Ding, dieses russische Nationalgericht. Danach schnell zum Bus und weiter. Aus dem Fenster noch ein verstohlener Fotoblick zum linken Gebäudeteil. Ich bin froh, dass keiner fragt, was denn da hinter der Trennwand ist. Einige aus unserer Gruppe wissen Bescheid, wo man ist und erzählen leise. Dort in dem Teil liegt der Stolz der sowjetisch-russischen Raumfahrt unter Trümmern begraben. Es ist der Teil des MIK-Gebäudes, wo am 12. Mai 2002 die Dachkonstruktion einstürzte und die letzte Trägerrakete Energia samt Buran unter sich begrub. Der Bus umfährt das MIK-112 im großen Bogen um dann plötzlich doch wieder heranzufahren. Diesmal von der Nordseite. Und hier ist fotografieren kein Problem. Wir stehen vor den beiden riesigen Transportern für N-1, Energia und Buran. Ein großer bärtiger Mann in einer Tarnwattejacke steigt aus einem Jeep aus und kommt zu uns. Ein echter russischer Bär. Nein, er ist nicht wie vermutet vom Wachschutz, sondern ein ehemaliger Techniker. Mit Stolz in der tiefen Stimmer erzählt er von N-1 und Energia.

In unmittelbarer Nähe sehe ich den Prüfstand der Energia „SDI“, den Dynamic Test Stand. Er sieht noch fast neu aus so von weitem. „Mein Gott1“ denke ich. „Wieviele Millionen Rubel sind hier verbaut worden und mit welchem Ergebnis?! Alles Gigantisch, alles nicht mehr in Nutzung, alles Schrott?“

Von Weiten wieder „unsere“ Sojus TMA-17 auf dem Startplatz-1. Die Fahrt geht weiter. Wir sehen die beiden Startpositionen für die N-1 und die Energia. Da müsste man jetzt hinfahren! Aber leider fahren wir in einiger Entfernung nur vorbei. Statt dessen geht es an kleinen flachen Bunkeranlagen auf ein riesiges Stahlturmungetüm zu. Die gigantischen Ausmaße der Bunkeranlagen und bodennahen Einrichtungen werde ich erst Tage später bei der Bildnachbereitung zu Hause erfassen. Wir sind am Teststand 250 für die Trägerrakete Energia. Für mich gibt es kein halten. Soll der russische Recke doch erzählen. Ich ziehe mit Kamera und Stativ allein los um die Anlage im ganzen zu fotografieren. Keiner hält mich auf, obwohl es am Gasaustrittsschacht doch ganz schön tief herunter geht. Die Bilder werden phantastisch. Nur nicht zu lange von der Gruppe weg bleiben. Man darf es auch nicht übertreiben. Als ich zurück bin, erklärt unser russischer Begleiter gerade die Funktionsweise der Triebwerksprüfung und der Wasserkühlung. Dann geht es wieder im zügigen Schritt zum Bus.

Es ist bereits Nachmittag. Zeitgefühl hat man sowieso nicht. Die Fahrt geht über eine holprige Straße in Richtung Nordwesten. Wir sehen zwei Proton-Abschussanlagen und biegen ab. Die erste Anlage sieht sehr verrostet aus. Offensichtlich ist sie nicht in Betrieb. Die zweite aber, zu der wir fahren scheint voll funktionstüchtig zu sein. In der Ferne sehen wir zwei weitere Proton-Startkomplexe und die Montagehallen dafür. Eine handvoll Wachleute passt auf, dass wir nicht in die großen Abgasschächte fallen. Fotos, Fotos, Fotos. Nur, wer vorher in der Fachliteratur oder im Internet eine Proton-Trägerrakete auf der Startrampe gesehen hat, kann das sich hier Gebotene richtig würdigen. Gute Vorbereitung ist auch hier wünschenswert.

Die Sonne bekundet langsam ihre Absicht, unter gehen zu wollen. Sie steht tief. Der Himmel ist nun nicht mehr wolkenlos. Ein Wetterumschwung deutet sich an. Wir fahren mit unserem Bus zurück in die Stadt Baikonur. Ich bin von den Eindrücken fast erschlagen, anderen geht es genauso. Dann noch einmal die Bitte an unsere Begleiter mitten im Nichts anzuhalten. Wir wollen die „Ureinwohner“ fotografieren.

Eine Herde wilder Kamele trottet an unseren Fotoapparaten vorbei. Unser Fahrer ist ganz aufgeregt. Vorsicht! Vorsicht beim Überqueren der Straße, da kommt ein Auto. Ja- irgendwo in der Ferne kommt tatsächlichen PKW angefahren. Für Leute, die als Fußgänger im täglichen Überlebenskampf im Straßenverkehr in Berlin, Hamburg oder sonstwo stehen, mag dieser Warnhinweis geradezu lächerlich erscheinen. Tja, unsere Gastgeber sind echt besorgt um uns. Wir sind müde. Es geht ins Hotel und zum Abendessen.

Zu vorgerückter Abendstunde dann der Abschluss des Tages. Wir fahren dort hin, wo die Besatzungen vor Ihrem Start in Baikonur-Stadt untergebracht sind. Die Veranstaltung heißt „Letzte Pressekonferenz vor dem Start“. Nächtliche Vorfahrt vor das „Hotel der Kosmonauten“, die Unterkunft der Kosmonauten in Baikonur vor dem Start. Es sind Polizei und Spezialeinheiten aufgezogen. Wachmanschaften in schußsicheren Westen, mit Helm und Kalaschnikow. Man zeigt Präsenz, Stärke und will Sicherheit vermitteln. Wir sind inmitten von internationalen, hauptsächlich russischen, amerikanischen und vor allem japanischen Kammerteams. Keiner nimmt Notiz von uns. Wir sind da, also gehören wir zum Tross. Entweder zur Presse oder zu den Familien der Kosmonauten oder zu den Offiziellen… . Egal! Für mich ein außergewöhnliches Gefühl.

Und plötzlich ist da in der Tür ein grauhaariger Herr mit Brille – zwei „Goldene Sterne“ an der Brust. Nun, diese Auszeichnung bekommt man ja nicht so einfach mal so zum Nationalfeiertag. Da zückt doch mein Freund Bernhard das Buch von Peter Stache „Raumfahrer A-Z“ aus seinem Rucksack, schlägt Seite 102 auf und sagt: „Das ist er!“ Viktor Petrowitsch Sawinych, Raumfahrer auf Salut 6 und 7, war selber hoch erfreut und überrascht, als man ihm das Buch mit seinem Jugendfoto für ein Autogramm hinhielt.

Dann um Mitternacht im Hotel. Der mit unzähligen bunten blinkenden Lämpchen versehene Weihnachtsbaum aus Kunststoff und Draht blinkt farbenfroh in der eiskalten Nacht vor unserem Hotel. Wir sitzen in der Lounge und trinken Bier und Wodka. Die leeren Büchsen und Flaschen kommen in den Mülleimer zu mir ins Zimmer. Was wird bloß das Zimmermädchen morgen von mir denken wird?!

Der nächste Morgen. Ich habe gut geschlafen. Keine Kopfschmerzen. Über Nacht hat sich der Himmel zugezogen. Es ist irgendwie kälter und feuchter. Die Straßen sind glatt. Nach dem Frühstück steht auf dem Programm – na was wohl? – Museum! Unser Bus hält vor dem Dworjez Kultury. „Kulturpalast“ erinnere ich mich an mein schulisches Russisch vor über 30 Jahren. Oh je…. Kultura! Im Gebäude dann die positive Überraschung. Es wird die Geschichte des Kosmodroms und der Stadt in unzähligen Fotos und Modellen ausführlich dargestellt. Aber nicht langweilig. Dann die Referenz an den Landeseigentümer – an Kasachstan. In einer stilisierten Jurte erfolgt ein Schnellkurs in kasachischer nationaler Lebensweise. Wieder drängt sich bei mir die Frage auf: Hätte man sich im Vorfeld der Reise mehr mit der Historie dieses Ortes beschäftigen sollen? Man hätte bestimmt den interessanten Ausführungen unserer Museumsführung noch besser folgen können. Ein Gemälde zeigt das ganze Streben nach Harmonie in der Geschichte dieses Ortes: Ein alter greiser Kasache in Nationaltracht spielt ein Instrument, während im Hintergrund zur Landschaft zugehörig eine Rakete startet. In weiteren Räumen dann wieder etwas für Technikfreaks. Raketenteile und unzählige Fotos. In einer Nische wird an die Opfer der R16-Katastrophe gedacht. Ja, der Umgang mit den Siegen und Niederlagen ist auch hier unverkrampft. Das stimmt optimistisch für die Zukunft. In einer anderen Vitrine ist ein Filmplakat von „Die weiße Sonne der Wüste“ zu sehen. Den Film hatte ich mir vorab schon in der Bibliothek im Russischen Haus in der Friedrichstraße in Berlin als DVD besorgt. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Dr. Jähn. Ich fragte Ihn, ob es stimme, das alle Kosmonauten vor dem Start diesen alten sozialistischen Heldenfilm ansehen. Die Antwort war für mich verblüffend: „Ja natürlich! Toller Film! Haben Sie den gesehen? Müssen Sie unbedingt! Also ich finde die Szene.besonders toll wo….“ u.s.w. Es sprach echte Begeisterung aus ihm. Es ist wirklich ein toller Film. Erinnert mich ein wenig an John Wayne, „Der Marshal“. Spielt aber zur Zeit des Bürgerkrieges irgendwo in Turkmenistan oder in der Gegend. Und all das kommt hier in Gedanken hoch. Mythos und Geschichte in Baikonur. Schön, wenn man ein bisschen Hintergrundwissen anwenden kann.

Ich riskiere einen Blick aus einem Seitenfenster nach Draußen. Ich sehe Steppe bis zum Horizont. Als ob das Gebäude direkt am Beginn des Nichts steht. Ich weis wieder, wo ich bin. Zurück zum Bus und weiter. Es geht zur Süd-Ost-Ecke von Baikonur. An einem Tor ist ein Logo angeschraubt: „Kosmische Truppen“ kann man entziffern – ein Militärobjekt. Hinter dem Eingang eine Parkanlage mit trockenen Bäumen. Zu jedem Baum sind Eisenrohre zur Wasserversorgung gelegt. Im Sommer, wenn es 40 Grad plus werden, kämpft man offensichtlich um jedes bisschen Grün. Am Ende des Parks seht eine pavillonartige Holzkonstruktion. Dunkelblaues Dach, weiße Holzpfosten, dezent mit zart Himmelblau abgesetzt. Ein schöner Aussichtspunkt, um über den angrenzenden Fluss zu schauen. Doch diese Hütte atmet Geschichte. Sie ist quasi der heilige Ort der bemannten Raumfahrt. Wir sind im gagarinschen Teehaus. Am 10. April 1961 saßen hier die angehenden Kosmonauten mit Koroljow zusammen und verabschiedeten Gagarin offiziell zu seinem Flug als erster Mensch ins All. Ich ertappe mich, wie ich an die Stellen gehe und fotografiere, wo die Aufnahmen von der Festtafel, von den Kosmonauten und von Koroljow gemacht wurden. Es ist kein Nachbau, es ist kein Modell. Das hier ist wirkliche Geschichte. Gut, das kann nur jemand verstehen, der in die Historie der Raumfahrt tief mit seiner Seele eintaucht. Für alle anderen bleibt das leider nur ein sehr gut erhaltener alter Pavillon aus Holz.

Es geht in den Park der trockenen Bäume zurück. Ein herum streunender Hund hat es Bernhard angetan. Der Hund trägt ein Halsband, sieht aber sonst sehr abgemagert und drahtig aus. „Bist ein echter Kosmoshund, nicht wahr?“ Der Wauwau lässt sich streicheln, genießt es richtig. Ein Glück, dass bei der Kälte bestimmt alle Flöhe längst erfroren sind, denke ich bei mir. Bernhard ist ein Unikum. Er findet sofort zu allen Lebewesen Kontakt. Ob er dessen Sprache spricht oder nicht. Die Erzählung macht die Runde, wo Koroljow sein top ausgebildeter Zirkushund rechtzeitig zum Start der Rakete weggelaufen war und die Techniker aus lauter Verzweiflung dann einen Steppen-Köter als Ersatz eingefangen hatten. Der war ausgehungert und lernte sehr schnell, dass, wenn er alles macht, was man von ihm will, er immer was zu fressen bekam. Es soll der beste Hund gewesen sein, den Koroljow je für einen Flug gehabt hat. Eine schöne Geschichte.

Die Zeit drängt. Zurück im Bus. „Wollen Sie noch eine Kirche besuchen?“ werden wir gefragt. “Nein!“ ist die einhellige Antwort. Wir hätten es doch lieber tun sollen. Ich komme später darauf zurück. Dann geht es zu einem Denkmal zum 40.Jahrestag der Stadt. Mittlerweile wurde bereits der 50te Jahrestag gefeiert. Der Stopp dient nur zum Beine vertreten. Nächster Halt ist das Sojus-Denkmal – Eine Sojusrakete fast liegend. Das ist ein beliebter Fotoshuting-Platz. Also Gruppenbild! Einige Kinder bläken „Amerikanski!“. Kein betteln um Kaugummi, nein, einfach ein Hallo.

Schwupp diwupp stehen sie an unserer Stelle unter der Rakete und posieren für die Fotoapparate. Ja, diese Jugend ist die Zukunft Baikonurs: Unverkrampft und offen. Möge es so bleiben. Nach dem Mittagessen dann ein weiteres unerwartetes Event. Es geht auf den Markt von Baikonur. Treffzeit am Bus ist vereinbart und los geht es in das Getümmel. Es gibt alles! Wirklich alles. Tee, Schokolade, Waschmittel, DVD’s, Äpfel, Unmengen von Schuhen und Stiefeln (unter anderem „Originale“ Gucci, Boss, Armani – alles Made in China), Spielzeug, Ledersachen aller Art, jegliche Arten von Obst, Früchten, Gewürzen, Fleisch, Fisch……. eben alles! Nicht nur das Notwendige zum Leben, sondern auch noch etwas mehr.

Woher das Ganze kommt? Keine Ahnung! Die nächste größere Stadt soll zwei Eisenbahnreisetage entfernt sein. Preise vergleichen fällt schwer. Alles erscheint billig bis preiswert. Da man aber nicht weiss, was die Menschen dort verdienen, fehlt jeder Vergleich. Schade!

Unser Bus parkt etwas außerhalb der Hauptstraße in einem Wohngebiet. Einige Freunde haben das nebenstehende Hotel gestürmt, um Briefmarken und Briefumschläge zu erstehen. Das ist echt ein Problem. Einfach mal einen Brief nach Hause schreiben „Hallo, ich war hier!“ geht nicht. Entweder gibt es keine Postkarten oder keine Briefumschläge oder keine Briefmarken oder keinen Briefkasten – Halt! Stimmt nicht, einen haben wir gefunden. Also das mit dem Briefe schreiben ist echt krass. Jemand hat sogar aus lauter Verzweiflung Sonderbriefumschläge gekauft: „Kindergeburtstag“ und „Nationalfeiertag“! Wie schon mehrfach erwähnt: Touristen gibt es nicht, also auch nichts für Touristen! Auf dem Fußweg zum Bus sehe ich mir die Neubaublocks etwas genauer an. Die Bauweise und die Verarbeitung scheint etwas besser zu sein als ich es aus anderen russischen Städten kenne. Die Wohnungen sind bestimmt einfach. Viele haben eine Klimaanlage nachträglich vor dem Fenster hängen. An manchen Fenstern sind abenteuerlich große Sat-Schüsseln angebracht. Wärmedämmung und Achten auf Energieeffizienz wäre hier wichtig. Doch vielleicht sehen wir das nur mit unserem deutschen Öko-Maßstab. Der Strom kommt aus der Steckdose und die Heizung aus der Fernwärmetrasse. Was das kostet, keine Ahnung.

Auf dem Programm steht nun der Besuch der Internationalen Kosmos-Schule. Keiner weiss zu diesem Zeitpunkt, was das soll. Am Ende eines Neubaugebietes stehen wir in einem typischen Plattenbauschulhof, wie er auch in Cottbus oder Berlin Hellersdorf zu finden wäre. In der Mitte des Hofes die Büste des Namensgebers: Tschelomej. An der Seite liegt etwas herum was wie eine Bode-Luft-Rakete aussieht. Es ist Sonntag Nachmittag. Alles ausgestorben. Wir werden von einem bärtigen breitschultrigen Mann, lässig in Jeans und Rollkragenpullover begrüßt. Er ist offensichtlich hier derjenige, der das Sagen hat. Er scheint noch jung zu sein. Als er aber mal herzlich lacht erstrahlen alle seine Goldzähne in seinem Mund und ich bin mir nicht mehr so sicher, ob ich mich beim Alter nicht doch verschätzt habe. Im Eingangsbereich eine Schautafel, die die russisch-kasachische Zusammenarbeit würdigt. Dann geht es durch die Klassenräume. Eine ganz normale Schule für Kinder. Man zeigt uns Räume für Werkunterricht, Kunst, Zeichnen, Bilologie und andere. Alles dreht sich fast immer um Raketen und Raketenbau. Wir sehen unzählige Raketenmodelle, darunter auch flugfähige Exemplare. Dabei kommt aber die schöngeistige Seite, die Kunst, nicht zu kurz. Die Lehrräume sind einfach Klasse. Alles ist in einem Topp-Zustand. Und es ist nicht anzunehmen, dass man für uns extra vorher sauber gemacht hat. Ja, in dieser Schule macht das Lernen Spaß. Man spürt richtig das Engarschemong der hier tätigen Kräfte. Vieles ist einfach und mit viel Liebe zum Detail gemacht worden. Geld ist eben auch nicht alles. So sieht eine Eliteschule aus. So manch einer in Deutschland sollte sich hier einmal praktische Anregungen holen. Ich bin echt überrascht. Man merkt, die hier lernen, sollen einmal im Kosmodrom oder in der Weltraumforschung arbeiten. Dafür versucht man, Begeisterung zu wecken. Aber uns werden nicht nur super eingerichtete Klassenräume gezeigt. In offen einsehbaren Seitennischen sehen Artifakte, die das Herz eines jeden Raumfahrtbegeisterten höher schlagen lassen. Da steht ein Triebwerk einer R-1. Wir lesen auf dem Schild, dass es ein Nachbau der „FAU-2“ ist. An anderer Stelle können wir einen Raumanzug untersuchen. In einem weiteren Raum steht eine TKS-Kapsel. Also so etwas hätte ich hier nie erwartet! Der Eingeweihte weiß, was das ist. Alle anderen lesen bitte bei Wikipedia unter TKS-Raumschiff nach. Ich lasse mich von der Gruppe zurück fallen, um noch einige Detailaufnahmen der TKS zu machen. Keiner hindert mich daran. Draußen auf dem Schulhof haben unsere Gastgeber inzwischen zum Abschied etwas Besonderes aufgebaut. Einige Raketenmodelle sollen starten. Die Modelle werden in den Himmel geschossen und kommen dann mit einer kleinen Schleppfahne als Fallschirm zurück – Irgendwo im Wohngebiet! In Deutschland hätten die Anwohner längst die Rechtsanwälte eingeschaltet, weil man Angst um den Lack der Autos haben müsste. Hier aber ist das normal. Baikonur sind Raketen und Raketen ohne Baikonur geht nicht.

Es ist später Nachmittag. Vergeudete Zeit, dieser Besuch? Keineswegs! Es wäre schade gewesen, wären wir nicht hierher gekommen.

Unsere Reisebegleitung schärft uns ein: Sie gehen jetzt in das Hotel und packen Ihre Sachen! Sie müssen sofort Abmarsch bereit sein, wenn es soweit ist. Sie haben dann keine Zeit! Verwunderlich diese Eindringlichkeit zur Eile.

Im Hotel schmeiße ich meine paar Sachen zusammen. Ist ja sowieso nicht viel. Das Problem ist nur immer die Reisetasche zu zu bekommen. Sie ist halt sehr kompakt gepackt.

Ich habe noch etwas über eine Stunde Zeit und entschließe mich zur Gedenkstätte der R-16-Katastrophe zu gehen. Das hatte ich von Anfang an mir fest vorgenommen. Es ist für mich nicht der Besuch von noch irgendeinem Denkmal, sondern etwas persönliches, was aus der Seele kommt. Es ist mir ein Bedürfnis, die Menschen zu ehren, die durch den Wahnwitz des Kalten Krieges hier ums Leben gekommen sind. Keiner beobachtet mich. Ich bin fast allein dort. Mag man mich doch sentimental nennen! Das ist mein Ding!

Im Schnellschritt geht es zum Hotel zurück. Lenin steht noch immer auf dem Vorplatz und weist den Weg… .

Nach dem Abendbrot dann die Nacht der Nächte. Es ist längst Dunkel. Wir stehen vor dem Hotel der Kosmonauten und – kommen nicht rein. Hier soll nun die Besatzung von TMA-17 den Bus besteigen und in das Kosmodrom fahren, zum Anlegen der Raumanzüge und dann gegen halbvier in der Früh Ortszeit auch starten. Es ist saukalt. Drinnen hat sich schon die Presse und das Fernsehen in Position begeben. Die Wache diskutiert mit unserer Begleitung. Irgend ein Stempel scheint auf der Liste zu fehlen. Nun lässt unsere Reisebegleiterin als letzte Möglichkeit ihren gesamten weiblichen Charme spielen und wendet sich an den Chef der Wachmannschaft persönlich. Dieser kommt dann auch zu uns. Ein Riese, freundlich lächelnd. Keine Frage, er ist der Boss. Dem Herrn möchte ich nicht unangenehm auffallen! Er lässt uns herein und erklärt zuckersüß lächelnd, dass wir bitte nicht über die weiße Linie am Wegesrand gehen sollen. Es könnte sonst unangenehm werden. Die Polizisten in Kampfanzügen, Helm und Kalaschnikow stehen im Hintergrund. Ja, den Hinweis sollte man wirklich ernst nehmen. Dann geht alles doch sehr zügig. Unter Musik schreitet die Besatzung von TMA-17 zum Bus. Einzug der Gladiatoren, denke ich. Oder Einzug des Boxers in die Arena. Man, die Jungs fliegen gleich in den Weltraum und dürfen/müssen dann bis Mai dort oben bleiben! Respekt! Ein Blitzlicht Gewitter bricht aus. Es wird gewunken. Freunde und Verwandte sind offensichtlich auch da. „Papa geht auf Dienstreise.“ Im Bus angekommen winken die Kosmonauten heraus. Kommandant Kotow erscheint mir wie hypnotisiert an der Scheibe des Busfensters. Die Menge draußen tobt. Doswidanja, Gute Reise und glückliche Wiederkehr! Unter Blaulicht und Polizeisirene fahrt der Bus in die Nacht. Wir bleiben zurück und wollen auch los traben.

Halt! Stoi! Wir haben noch was vergessen. Ein Programmpunkt muss noch abgearbeitet werden. Der Pressesprecher (Ich denke, er war es) erklärt uns nun mitten in der Nacht etwas zur Funktion des Hotel der Kosmonauten. Ein 2-Meter-Mann. So zumindestens mein Eindruck.

Alle schauen nach oben, um in sein Gesicht zu sehen. Er scheint offensichtlich auch total begeistert zu sein, mitten in der Nacht bei Eiseskälte mit einer Touristengruppe herumzulaufen. Aber er ist bemüht, sich nichts anmerken zu lassen. Nur einmal ganz kurz entrutschen ihm die deutschen Worte „Vorwärts! Vorwärts!…!“ Bei mir klingt das so wie „Beeilt euch bitte…“

Wir stolpern im Halbdunkeln durch eine Baumallee. Ahh! Das ist die Parkanlage, die durch Gagarin initiiert wurde. Jeder Kosmonaut pflanzt dort einen Baum. Jeder Baum ist beschriftet. Wir finden gleich die Bäume von Gagarin und Titow. Die Reihenfolge der Bäume stimmt nicht mit denen der Flüge überein. Wir finden die Schilder von Olsen und Stafford. Auch Reiter. Irgendwann auch Jähn. Bäume beschauen um Mitternacht. Das hat schon was außergewöhnlich Komisches. Aber es war im Programm und ich will ernst bleiben.

Mitten in der Nacht geht es dann raus in das Kosmodrom. Unser Bus holpert durch die finstere Nacht. Man spürt, heute Nacht ist was Besonderes los. Polizei und Wachmannschaft stehen an den wichtigsten Abzweigungen im Kosmodrom, damit man sich nicht aus Versehen verfährt. Unser Bus parkt bei einem großen Gebäude. Es ist naßkalt. Saukalt und unangenehm. Der Vorplatz ist in Scheinwerferlicht getaucht und abgesperrt. Zwei mit Blaulicht versehene Busse stehen bereit. Ich erkenne die Markierungen auf dem Boden. Dort werden gleich die Kosmonauten stehen und die Startbereitschaft melden. Ein Ritual, was man schon unzählige Male im Fernsehen gesehen hat. Nun ist man aber live dabei. Ich suche nach der besten Kameraposition. Mit Blitzlicht zu fotografieren ist bei den Entfernungen sinnlos. Also muss ich mich irgendwie auf mein Einbeinstativ verlassen. Als es dann soweit ist und die Kosmonauten in Ihren Anzügen herausgewatschelt kommen ist die Presse-Meute, der Profifotografen, die vor der Absperrung stehen, plötzlich vor mir und ich sehe nichts mehr. Mist! Und trotzdem! Ein unvergesslicher Augenblick. Die Jungs in den Raumanzügen haben jetzt die letzte Gelegenheit zu sagen: „ Nein, in die mit so viel explosiven Treibstoff geladene Blechbüchse setzte ich mich nicht hinein!“ Keiner tut es. Hätte auch keiner erwartet. Die Kosmonauten steigen in den Bus und der fährt mit Blaulicht und Sirene ab. Ich überlege, ob das Gerücht stimmt, dass die Kosmonauten auf ihrer Fahrt zu Startrampe noch einmal anhalten und dann an den Reifen des Busses pinkeln. Also dieses Mal ganz bestimmt nicht. Es ist viel zu kalt!

Es geht zurück durch die Kälte zum Bus. Es hat leicht zu sprühen angefangen. Komisches Wetter geschätzte Minus 15 Grad und es nieselt. Wir fahren zum Aussichtspunkt. Das ist ein Podest mit Überdachung. Stromanschlüsse für Kamerateams sind vorhanden. Licht an der Dachunterseite. Alles Perfekt. Die Rakete sehen wir in der dunklen Nacht durch viele Scheinwerfer angestrahlt. Die Angaben über die Entfernung schwanken. Einige sagen 2Kilometer. Offiziell sollen es 1,7 Kilometer sein. Später messe ich bei Google-Map nach und komme auf 1450 Meter (!). Kann eigentlich nicht stimmen. Ist doch viel zu Nah! Ja, so habe ich mir den Aussichtspunkt immer vorgestellt. Ich erinnere mich an die Filmsequenz vom Start von Sojus T-10. Schauen Sie sich das ruhig mal bei youtube an. Das war auch ein Nachtstart und man sieht die hochrangigen Militärs genau an dieser Stelle den Start beobachten. Schönheitsfehler: Die Sojus T-10 startete nicht sondern verbrannte auf der Startplattform. Es war der soweit mir bekannte einzigste Fall, wo eine Sojus-Rakete auf dem Starttisch der Startposition-1 havarierte. Die Besatzung rettete sich mit dem Havariessystem und landete sicher. Und nun die selbe Szenerie! Aber diesmal wird es keinen Fehlstart geben. Nein, alles steht dagegen! Das Können der Techniker, der Mut der Kosmonauten, die Statistik. Wir haben noch über zwei Stunden Zeit. Mittlerweile hat es angefangen leicht zu regnen. Das Bild auf meiner Kamera ist plötzlich verschwommen, bis ich merke, dass auf der Linse ein Eispanzer ist. Das kann ja heiter werden. Außerhalb des überdachten Aussichtspodestes fallen die ersten bei dem Glatteis auf die Gusche. Einige, darunter auch ich, beschließen in die nebenstehende Baracke zu gehen. Da ist doch tatsächlich ein kleines Cafe. Es gibt Kaffee, Tee, Mikrowellen-Pizza. Alles was man braucht, um sich ein wenig aufzuwärmen und die Zeit tot zu schlagen. Es ist ein Kommen und Gehen. Techniker, Wachschutzleute, Reporter, Gäste – jeder der hier ist, gehört ja dazu – sonst wäre er ja nicht hier. Logisch, oder ?! Eine halbe Stunde vor dem angekündigten Start will ich mich in Position bringen. Ich werde mich vor die Aussichtsplattform stellen. Da habe ich freies Schußfeld. Hinter mir bastelt das Japanische Fernsehen an ihrer Technik. Laptops liegen zwischen Unmengen von Kabeln im Sprühregen. Tolle Qualität. Ich hatte eigentlich mit mehr Menschengedränge gerechnet. Hätte ich gewust, das ich sooo viel Platz habe, ich hätte ein großes Dreibein-Fotostativ angeschleppt. Hätte, hätte, hätte! Jetzt ist jetzt! Ich gehe noch einmal auf die Plattform hoch. Vielleicht ist oben doch ein besseres fotografieren möglich. Vor mir steht mein Freund Bernhard mit einem für Ihn gleichaltrigen älteren Mann im Gespräch oder besser gesagt im Gestikulieren. Bernhard kann ja kaum Russisch. Ich rufe Ihn an, sich mit seinem Gesprächspartner zusammen fotografieren zu lassen. Der wirft mir einen bösen Blick zu.

Aber Bernhard redet auf Ihn ein: „Drusja! Moi Drusja!“ und alles ist in Ordnung. Oleg heist der gute Mann und ist sehr froh in Bernhard einen so guten Gesprächspartner gefunden zu haben. Obwohl die beiden kaum ein Wort gegenseitig verstehen, verstehen sie sich prächtig.

Der Sprechfunk ist die ganze Zeit über den Lautsprecher gelegt. Wir sind im Bilde, wie der Stand der Dinge ist: „Swjo nomalno!“ Dann meldet Kommandant Kotow, dass irgendetwas nicht so ist, wie es sein soll. So richtig habe ich das nicht verstanden. Auf alle Fälle, der Sprechfunkverkehr ist plötzlich aus dem Lautsprecher verstummt. Nur gut, dass das Japanische Fernsehen direkt neben uns steht. Die sollen sogar einen Reporter an der Rampe haben. Also es gibt eine Verzögerung von 20 Minuten. Der Sprühregen wird immer heftiger. In Cap Kennedy hätten sie den Start schon längst abgebrochen, meint jemand.

Au! Der Mann könnte recht haben. Eisregen und alles ist vereist. Ob das gut ist für die Rakete? Ich bau mich auf. Der Startmast schwenkt ab. Es geht los. Man hat offensichtlich die Lunte angezündet.

Alle Systeme auf go. Ich schalte meine beiden Mini-Cams ein. Die eine werde ich dann erst nach zwanzig Minuten ausschalten, weil ich sie schlichtweg vergessen habe. Es meldet sich die Batterieanzeige der Digitalkamera: Low Bat. Klasse! Jetzt noch Batterien wechseln? Nein! Risiko! Ich fotografiere ja nicht mit Blitz! Haltet bitte noch zwei Minuten durch! Nur zwei Minuten! Über den Lautsprecher der Japaner hören wir „Pusk!“ Zündung! Es ist 3:52 Uhr Ortszeit. Erst ein Feuerschein, dann steigt ein Feuerball auf. Aus diesem dann erhebt sich die Sojus-Rakete. Man kann diese sowieso nur in dem aufsteigenden Lichtball vermuten. Hinter mir brüllt Oleg, nein er singt eher vor Begeisterung: “Pajechali!“ Auf geht’s! Die Rakete geht wie ein Hochgeschwindigkeitsfahrstuhl nach oben. Nicht’s ist’s mit behäbigem Abheben und dann langsam schneller werden. Die Post geht sofort ab.

Rechts neben mir hat sich Uwe mit seiner Profi-Foto-Ausrüstung aufgebaut. Ich glaube, er hat mit Abstand das beste Equipment mit. Ich kann nur vermuten, wieviel Fotos er vom Start gemacht hat. Aber das eine wird ein Jahrhundertschnappschuß! Absolute Spitze!

Nach 60 Sekunden ist vom dem einst überhellen Lichtpunkt nichts mehr zu sehen. Die Wolkendecke muss doch ganz schön dicht und tief sein. Ich hatte gehofft, man könne noch die Trennung der ersten Stufe sehen. Diese ist aber erst nach zwei Minuten und die Rakete ist schon nach einer Minute verschwunden. Neben uns kommentiert noch der Reporter des Japanischen Fernsehens weiter, weiter und weiter. Wir gehen, nein wir schlittern langsam zum Bus. So, das war nun der Höhepunkt der Reise. Für 60 Sekunden Feuerwerk in diese Einöde fahren. War es das wert? Diese Frage muss man vor Reiseantritt beantworten. Für alle Mitreisenden würde ich sagen: Ja! Unbedingt!

Der Bus biegt nicht auf die Straße nach Baikonur ab. Das merke ich sofort. Das bisschen Orientierungstraining bei Google-Earth zahlt sich nun aus. Er wird doch nicht etwa…?! Doch er wird. Er wird direkt zum Startplatz eins fahren. Es ist noch nicht einmal eine Stunde her, da sind wir an der Rampe, wo gerade die TMA-17 abgehoben hat. Die Montagetürme sind bereits wieder zusammen geklappt. Die Bedienmannschaft schwirrt herum. Eine Diesellok rückt ab. Man bereitet die Rampe sofort für den nächsten Start vor. Absolut irre, das wir jetzt hier sein dürfen. Es ist kalt, nass und eisig. Aber das ist der Höhepunkt. Das ist nirgendwo anderes auf der Welt möglich, ist mein Gedanke.

Der Bus tuckert über die nun spiegelglatte Straße zurück nach Baikonur. Unsere Gastgeber haben sich zum Abschluss noch eine Überraschung einfallen lassen. Jeder bekommt ein Zertifikat über die Teilnahme am Start mit seinem Namen und der genauen exakten Startzeit. Wo haben die blos hier einen A4-Fotodrucker rumstehen, frage ich mich. Eine schönes Geschenk. Wo werde ich das jetzt im Bilderrahmen in meinem Arbeitszimmer aufhängen?

Zurück im Hotel. Alles soll jetzt ganz schnell gehen. Fahrt zum Frühstück und dann Abflug nach Moskau. Aber irgendwie scheint Sand im Getriebe. Nach dem Frühstück geht es erst einmal wieder zurück zum Hotel. Dort hat man über die total vereiste Eingangstreppe einen alten Teppich gelegt. Der Hotelgast hat nun die Wahl, sich auf dem Teppich oder auf der vereisten Treppe auf’s Maul zu packen. Es ist wirklich nicht zum Lachen. Mit unserem geplanten Abflug um acht Uhr wird es nicht’s. Warten ist angesagt. Der Bus ist ja auch nicht da. Ich liege im Hotelzimmer mit meinen gepackten Sachen und starre die Decke an. Ich bin total übermüdet. Aber was soll es? Jeden Augenblick kann das Telefon klingeln und das „go“ zum Abmarsch kommen. Irgendwann Mittags geht dann die Fahrt zum Flughafen. Einige Kasachen in der Hotelvorhalle lächeln belustigt. Ob die wohl mehr wissen als wir? Ich mache die vermeindlich letzten Fotos von Baikonur aus dem fahrenden Bus. Genau auf halben Weg zwischen Stadtgrenze und Flughafen halten wir. Am Einfahrtsschild zu Baikonur, die Stadt im Hintergrund wollen wir uns zum letzten Mal zum Gruppenbild aufstellen.

Große Belustigung verspricht ein Loch im Boden. Da fehlt ein Kanaldeckel und es geht 3 Meter in einen Schacht rein. Ist halt so. Jemand hat den Deckel eben gebraucht. Unsere Begleiter drängen zum Aufbruch. Wenig später stehen wir mit unserem Bus auf dem vereisten Vorplatz zum Flughafen-Tower. Das klingt alles so gewaltig. Der Flughafen ist ja nur eine kleine Barackenanlage. Wir sollen mit einer Chartermaschine nach Moskau fliegen. Welche, keine Ahnung. Der Motor des Busses tuckert, damit uns drinnen nicht kalt wird. Andere, nicht so komfortable Busse tauchen auf und stellen sich auch zum Warten hin. Offensichtlich Techniker. Die Rollbahn wird enteist. Zum Start rollt eine AN-26 und hebt dann auch ab. Wir überlegen, mit welcher Maschine wir fliegen könnten. Es stehen zur Auswahl eine AN-26 und AN-12. Im Moment würde ich alles nehmen um hier weg zu kommen. Auf dem Vorfeld wird eine nicht gerade vertrauenerweckende TU-134 angeworfen. Dicker schwarzer Qualm steigt auf, als das Hilfstriebwerk anspringt. Dann steht da noch eine TU-154 der Regierungsfliegerstaffel herum, aber das wird sie ja nicht sein.

Nach zwei Stunden dann die Entscheidung: Zurück ins Hotel. Heute wird es nichts mehr. Nein, am Flughafen Baikonur liege es nicht. Der Luftraum von Moskau wäre wegen Überfüllung gesperrt. Davon können wir uns dann abends in den Nachrichten überzeugen. Einzug, oder besser Rückzug im Hotel. Hatten die Kasachen nicht schon so schadenfroh gelacht, als wir abfuhren? Die sind sowieso gleich wieder da! Nun, es ist alles bestens organisiert. Jeder bekommt genau sein Zimmer wieder. Ein Zeichen dafür, dass man nicht gerade ausgebucht ist. Was macht man nun mit dem restlichen Spätnachmittag? Wir beschließen in die Basilika von Baikonur zu gehen. „Es wäre gut, wenn Ihr dort eine Kerze anzünden würdet.“ meint unsere Reisebegleiterin. Und sie meint das im vollen Ernst. Die letzte Nacht hat sie nicht geschlafen und seit dem frühen Morgen hängt sie am Handy, versucht unsere Weiterreise zu organisieren. Zu diesem Zeitpunkt sieht sie nicht gut aus. Wir gehen in die Basilika von Baikonur. Die Kirche ist neu. Alles ist sehr gepflegt. Wir kaufen jeder eine kleine Kerze. Ich denke, am besten wäre es, die Kerze unter der Ikone vom heiligen Petrus aufzustellen. Zu mindestens nehme ich es an, dass er es ist. Am Ausgang übersetzt uns jemand das dort Angeschlagene, eine komplette „Gebrauchsanweisung“ für das Verhalten in einer russisch-orthodoxen Kirche. Wann nimmt man die Mütze ab, wie bekreuzigt man sich und so weiter. Das hätten wir vorher lesen sollen. Einhellig stellen wir fest, das wir alles falsch gemacht haben, was falsch zu machen ging. Hoffentlich ist der liebe Gott nicht nachtragend und erkennt den guten Willen an. Am Abend sitzen wir dann in der Hotellounge noch einmal bei Vodka und Büchsenbier zusammen. Ein Russe fragt uns, wo wir herkommen und macht dann seinen Unmut Luft, dass er zum Jahreswechsel wahrscheinlich wieder nicht zu Hause bei seiner Familie sein kann. Er gehört zur Startmannschaft eines Proton-Komplexes und die soll noch einen Start in diesem Jahr durchführen. Ja, so toll das alles ist, aber man ist absolut isoliert dort.

Am nächsten Morgen geht dann alles zack-zack-zack. In Schichten essen im Hotelbistro. Der kleine Raum ist auf den Ansturm der ungeplanten Gäste nicht eingerichtet. Das Personal müht sich ehrlich und mit Erfolg den Nachschub an Kaffee und Tee zu gewährleisten. Also gibt es nichts zu meckern. Der Bus steht vor der Tür. Wir schlittern die Treppe herunter. Irgendwie hatten wir das gestern schon einmal. Dann die Fahrt durch das morgentliche Baikonur. Der Himmel ist grau. Ich mache keine Fotos. Irgendwie spürt man, dass es jetzt wirklich Abschied nehmen heißt. Wir fahren zum Flughafen durch. Dort heißt es sofort aussteigen. Es ist zwar genauso naßkalt wie gestern, aber diesmal scheint richtig Bewegung zu sein. Neben uns fährt ein Bus mit Blaulichteskorte auf das Rollfeld. Also wenn die anderen mutmaßlichen Mitreisenden da sind, dann wird es auch was mit dem Fliegen. Die scheinen aber direkt zur Maschine zu fahren. Für uns steht der Kampf mit Pässen, handgeschriebenen Flugtickets und der Gepäckkontrolle an. Die Kasachen kontrollieren und machen alle strenge Gesichter. Man zeigt nach außen, wer hier die Hoheitsrechte hat. Einer in der Gruppe ist „mode“ und darf sein ganzes Gepäck auspacken. Der Leser möge mal raten, wer! Mir ist natürlich nicht zum Lachen, hatte ich doch alles haargenau in meiner Reisetasche positioniert. Diese Ordnung ist natürlich schlagartig futsch. Der kasachische Beamte wühlt sehr intensiv in meinen Klamotten und speziell in der Fotoausrüstung herum. Warum er dann schlagartig von mir ab läßt, und wir uns beide zum Schluss viel sagend anlächeln, nun das bleibt unser kleines privates Geheimnis.

Dicht gedrängt stehen wir in einem kleinen Raum. Dahinter ist das Rollfeld. Während ich noch überlege, dass ich gar nicht weiss welche Platznummer ich habe oder welcher Flieger das ist, geht plötzlich die Tür auf und wir traben los. Und welche Überraschung es geht zu unserem Bus. Der war mittlerweile durch die Absperrung auf das Flughafengelände gefahren. Na das hätten wir auch einfache haben können, in dem wir einfach sitzen geblieben wären, witzelt jemand. Es geht tatsächlich zu der schon gestern darstehenden TU-154. Die Farben der Russischen Förderation zieren den Bug und Leitwerk. Irgendwo am Bug glaube ich das Wappen von RKK, dem russischen Gegenstück zur NASA zu entdecken. Bei der nachträrglichen Fotoauswertung zu Hause werde ich feststellen, dass ich mich getäuscht habe. Es ist ein anderes Logo.

O.K. Also rinne gerammelt. Das Gepäck, ich weis nicht mehr genau, ist dann auch irgend wie weg und wird verladen. TU-154B2 steht am Bug. Es ist also ein älteres Modell. Ich freue mich schon ehrlich auf den satten Sound der alten Triebwerke. Die vordere Kabine ist tabu für uns. Dort sitzen die wirklichen VIP’s. Jemand erzählt, er habe Krikaljow, mehrfacher Kosmonaut und jetziger neuer Chef des Sternenstädtchens gesehen. Ich glaube Gidsenko, einer der Chefs der Ausbildung erkannt zu haben. Den kenne ich noch aus Rautenkranz von den Raumfahrttagen und von unserem Besuch letztes Jahr im Sternenstädtchen. Wir setzen uns in der Mittelkabine, wo gerade Platz ist. Die Gepäckablagen über den Sitzen haben keine Klappen. So kann man ohne Probleme seine dicken Jacken hinein stopfen. Schkaplerow, der Kommandant der Reservecrew drängt durch den Gang. Das Gesicht sollte man sich merken, denke ich bei mir. Er ist bestimmt ein aussichtsreicher Kandidat für einen späteren Raumflug. Nun kommen Japaner in die Maschine und besetzen die restlichen Sitzplätze. Auf vielen Gepäckstücken blinkt das NASA-Logo. Weitgereiste Leute also. Ich bin froh, dass wir die Ehre hatten vor ihnen einzusteigen, um die besten Plätze zu besetzen. Vielleicht war es aber auch nur Glück. Der Japaner neben mir setzt sich und holt eine Schutzmaske heraus, als ob er gerade in einen OP gehen will, setzt sie sich auf, schließt die Augen und fortan höre ich ihn nur noch leise atmen. Solche Körperbeherrschung möchte ich auch haben. Die Triebwerke laufen an. Wir rollen zum Start. Die Tupolew hat einen sehr langen Anrollweg. Die Triebwerke brüllen auf. Die Maschine holpert über die unebene Startbahn, die schon Gagarin kennen gelernt haben muss. Dann hebt sie ab und wir sind in den Wolken. Das war’s Baikonur. Es war schön bei dir.

Nach drei Stunden Flug und drei Zeitzonen zurück dann der Landeanflug in „Tschkalowskij“, einem Militärflughafen nordöstlich von Moskau direkt neben dem Sternenstädtchen. Ich sehe im Landeanflug Unmengen von „geheimen“ Flugzeugen. IL-76MD und IL-86 (oder IL-82) mit Radarbuckeln auf dem Rumpf, einige (vermutlich) IL-38. Alles fliegende Kommandostände. Hier sind auch die IL-76 für die Schwerelosigkeitssimulation, die Parabelflüge, stationiert. Es stehen einige IL-62 und viele TU-154 mit dem Schriftzug „Russia“ startbereit.

Wir rollen zu einem Gebäude, was für uns so etwas wir ein Abfertigungsgebäude sein soll. Das Gepäck wird uns auf dem tief verschneiten Rollfeld fast direkt aus dem Laderaum der Maschine in die Hand gedrückt. Zwei Mi-8-Hubschrauber schweben zwei Meter über den Rollwegen entlang und pusten mit ihren Rotoren den Schnee weg. Wir sind wieder in Russland. Und das bedeutet, wir müssen wieder einreisen, damit wir später auch wieder nach Deutschland ausreisen können. Schließlich kommen wir aus Kasachstan. Für die mitreisenden Fachleute und Militärs ist das da natürlich kein Problem. Diese kommen ja nicht aus dem Ausland sondern aus einem russischen Sondergebiet. Ja,ja der rechtliche Status von Baikonur ist schon interessant. Da wird so mancher Rechtsgelehrter noch seine Doktorarbeit darüber schreiben können. Für uns bedeutet das Einreise Zählkarte, also Vordruckzettel, organisieren und dann ab zur Einreisekontrollen. Wie immer unangenehm, aber alle kommen durch.

Und wieder ist danach alles bestens organisiert. Draußen steht ein geheizter Bus. Wir steigen ein. An der Abbiegung zur Hauptstraße ein Stopp. Unser französischer Mitreisender und Freund Christian verlässt uns. Unsere Wege trennen sich hier. Ein PKW steht für Ihn bereit, wir winken. Christian, wir hatten viel Freude miteinander!

Da wir einen Tag in Baikonur fest saßen, hat sich das Programm etwas verändert. Morgen ist offizieller Heimflug und wir schieben noch schnell am Nachmittag einen Besuch im Sternenstädtchen nach. Das kennen wir bereits aus dem letzten Jahr und es ist ja gleich sozusagen neben an. Diesmal ist die Einfahrt tief verschneit. Gagarins Denkmal in Schnee gehüllt. Uns begrüßt der technische Leiter der Zentrifuge. Ein großes Manko an mir. Ich kann mir keine Namen merken. Es folgt eine sehr informative Führung durch den Saal mit dem Trainingsmodell von MIR und die Besichtigung des Aquakosmos. Letztes Jahr waren wir hier mit Dr. Sigmund Jähn zu Besuch. Da war der Besuch für mich aber sehr emotional geprägt. Ich war zum ersten mal im Sternenstädtchen, Alles war neu und aufregend.Ich wusste damals nicht, was ich zuerst fotografieren sollte. Keiner wusste, was einem hinter der nächsten Tür erwartet. Die Eindrücke waren überwältigend, da ich damals nicht glaubte, so schnell noch einmal hierher zu kommen. Nur fünfzehn Monate später bin ich wieder hier. Ich weis jetzt in etwa, wo was steht und was es zu sehen gibt. Das eröffnet natürlich jetzt die Möglichkeit, gezielt Detailfotos zu machen. Unser fachkundiger Führer spricht sehr gut englisch. Ich brauche mich nicht mit Russisch zu quälen. Es gibt auf alle Fragen eine ausführliche sachliche und fachkundige Antwort. In der Zwischenzeit kann ich überall herumlaufen und fotografieren. Absperrungen gibt es fast keine. Es ist wirklich toll. Aber die Ehrfurcht vor den Exponaten verbietet ein Befummeln der Exponate. Die Hand soll Demjenigen abfaulen, der hier was mitgehen lässt !!

Jemanden fällt auf: Der Fußboden im großen MIR/Quant-Saal ist neu gemacht. An mir schwirrt diese Nachricht erst einmal vorbei. Unsere Begleitung zeigt sich beeindruckt, habe man doch bei unserem ersten Besuch sehr genau hingesehen. Erst als ich Wochen später einen Artikel von Dr. Przybilski (TU Dresden) genau zu diesem Raum lese, in dem er den Zustand der Räumlichkeiten und der Exponate beklagt, begreife ich, dass hier wirklich was passiert sein muss. Auf dem alten Belag konnte man ja auch keine Gäste, und schon gar keine hochrangigen, die Exponate zeigen.

Zurück. Nach der Besichtigung des Aquakosmos geht es zur Zentrifuge.

Eindeutig: Das ist hier sein Reich. Hier hat er eine besonders stolze Stimme. Nach einer ausführlichen Besichtigung verabschieden wir uns. Es geht in das Museum des Sternenstädtchens. Hier stürze ich gleich los und mache so einige besondere Detailaufnhmen von Schriftstücken, die hier ausgestellt sind. Unsere Reisebegleitung weis, dass ich an einer kleinen Arbeit über Gagarin schreibe. Im Allerheiligsten des Museums, im neu rekonstruierten und originalgetreu hergestellten Arbeitszimmer von Juri Gagarin werden wir offiziell von unserer Reisebegleitung verabschiedet. Noch einmal werden Gastgeschenke übergeben. Auch unsere Reisebegleitung kann jetzt ungezwungen lächeln. Es ist alles sehr gut gelaufen. Kleine Hindernisse, wie das Wetter, wurden gekonnt umschifft. Ja, gerne wieder! Der Abschied fällt doch etwas schwer. Der Bus fährt über die Ringautobahn nach Moskau hinein. Es ist alles wieder einmal mit Autos vollgestopft, aber wir kommen erstaunlicher Weise sehr schnell im Hotel Kosmos am Prospect Mira an. Uff, war das ein Tag!

Am Abend sitzen wir dann im Restaurant des Hotel alle noch einmal zusammen. Offiziell ist die Reise morgen beendet. Ich bleibe mit zwei anderen Mitreisenden noch länger in Moskau. Ich nur einen Tag. Unsere Gastgeber haben zum letzten mal aufgetafelt. Neben Essen stehen auch 4 (oder 5?) Literflaschen „Russian Standart“ auf dem Tisch. Unsere russischen Gastgeber sitzen etwas abseits. Offensichtlich haben sie Order, sich nicht mit den „zahlenden Gästen“ zu verbrüdern. Ich muss sie regelrecht zwingen, sich mit an unseren Tisch zu setzen. Das ist zwar fast Nötigung, aber ich bin der Meinung, das gehört sich einfach so. Schließlich haben sie wirklich geackert, dass diese Reise nicht nur ein Erfolg, sondern unvergesslich wird. Viel trinken wir nicht. Trotzdem gehen mehrere Trinksprüche über den Tisch. Wir trinken auf Christian und die deutsch-französische Kosmosfreundschaft. Da meint doch einer so ganz nebenbei: „Übrigens, da hinten sitzt er..!“ Echt genial. Christian ist im selben Hotel wie wir. Er wird sofort an unseren Tisch geholt. Es folgt der nächste Trinkspruch. Natürlich diesmal auf unser Wiedersehen. Sehr spät am Abend gehen einige Freunde noch einmal zum Kosmosdenkmal. Das steht dem Hotel gegenüber auf der anderen Straßenseite. Die Luft ist klar und bitterkalt. Alles ist mit Schnee verweht. Koroljew schaut nach wie vor grimmig entschlossen von seinem Denkmalssockel. Wir laufen in einer Schneewehe einer Wachstreife in die Arme. Die fragt sich bestimmt, was so ein paar Verrückte um diese Zeit hier im Schnee treiben. Ich frage, wann das Kosmosmuseum unterhalb des Denkmals geöffnet hat. „Morgen ab 11 Uhr“. „Bolschoi wam sposiwa…“ (oder so ähnlich) Danke! So schnell klärt sich alles und wir stapfen gemächlich zum Hotel zurück.

Der 23. Dezember ist der offizielle Abschluß der Reise. Wir sehen uns noch einmal alle beim Frühstück. Ich verabschiede alle in der unteren Etage des Hotels. Der Bustransfer zum Flughafen wartet. War wirklich schön mit euch allen. Vielleicht mal wieder in der Runde. Vielleicht mal zur MAKS, in Monino oder in Hansvill, im KSC. Wer weiss. In ein paar Stunden werden sie in Berlin-Schönefeld sein. Vorher wird es noch eine „Zitterpartie“ geben, bevor man im Flieger sitzt. Der Projektleiter von TUK wird sie gleich auf dem Flughafen Schönefeld ausquetschen, ob alles gut gegangen ist. Nun, das weiss zu diesem Zeitpunkt natürlich noch keiner.

Für mich beginnt jetzt die „Nachspielzeit“. Ich habe mir ein privates Programm vorgenommen. Zunächst einmal in die Raumfahrtausstellung unter dem Raumfahrtdenkmal gleich gegenüber. Dann in die Stadt zum Lenin-Mausoleum und zur Kremelmauer. Ich möchte zum Grab von Koroljow und Gagarin. Da soll man aber nur hinkommen, wenn man zuvor durch das Lenin-Mausoleum gegangen ist. Kein Problem für mich. Dann möchte ich noch auf den Arbat in das „Dom Knigi“ um einige Bücher und DVD’s zu kaufen. Für den Notfall habe ich mir dann noch überlegt in das Polytechnische Museum zu gehen. Alles zuviel eigentlich. Um elf Uhr öffnet das Museum der Kosmonautik. Ich bin als einer der Ersten drin. Es ist ein ganz normaler Wochentag. Ehe ich mich richtig orientieren kann, zwischen Garderobe abgeben, Eintrittskarte und Fotoerlaubnis bezahlen, Souvenierladen und Sicherheitscheck, ist das Museum voll. Viele Schulklassen sind hier angetreten, um etwas von der nationalen Geschichte der Raumfahrt zu hören und zu erleben. Mit weit aufgesperrten Schnäbeln staunen die Knirpse über die Erzählungen über Zilokowski, Leika, Gagarin, Tereschkowa und Leonow. Dabei scheinen sie auch ein schon sehr breites Faktenwissen zu haben, wenn die Lehrerin etwas nachfragt. Also diese Kindings wissen Bescheid über ihre Geschichte. Toll, denke ich so bei mir. Wenn unsere Kinder auch so begeistert für deutsche Geschichte und deutsche Helden wären. Aber ich will nicht abschweifen. Ich würde gerne ein Foto von den Kindings machen, traue mich aber nicht, sie zu fragen. So ziehe ich weiter, das Einbeinstativ mit Fotoapperat wie einen Wanderstab handhabend. Die Ausstellung ist supertoll. Jeder, der sich ein bisschen für Raumfahrt interessiert, sollte diese besuchen. Ein würdiger Nachfolger des Kosmospavilions auf der ehemaligen WDNH. Endlich eine wirklich große nationale Raumfahrtausstellung Russlands. Und das man unverkrampft mit allen Höhen und Tiefen der Geschichte umgeht, zeigt die Tatsache, dass dort auch der Raumanzug von Michael Collins, Apollo-11, ausgestellt ist. Russland kann stolz auf diese gelungene Präsentation sein. Die unzähligen Exponate sind übrigens gut bewacht. An jeder Ecke steht jemand vom Museumspersonal und passt auf, das man nichts anfasst oder das man auch seine Fotoerlaubnis sichtbar träg. An einer Sojus-Kapsel werden gerade einige Besucher weggescheucht, die doch tatsächlich versucht haben, diese zu öffnen.

Nun, es war eher ein Befummeln, aber die Aufsichtsdame war sofort da und sorgte sehr eindringlich für Ordnung. Irgendwie komme ich mit der Dame ins Gespräch und plötzlich meint sie. „Sie können ruhig deutsch sprechen.“

Sie war einmal Lehrerin für Deutsch. Als ich ihr dann die Fotos aus Baikonur auf meiner Digitalkamera zeige, kann ich gar nicht so schell schauen was dann passiert. Plötzlich ist der Spezialschlüssel zur Hand, die Sojus wird „aufgeschraubt“.

Bitte, bitte! Fotografieren Sie! Die Russen sind schon ein eigenartiges Volk. Wenn es ins Persönliche geht, sind sie immer liebenswerte Gastgeber. Zu mindestens ist das meine private Erfahrung. Nach über vier Stunden bin ich in diesem Museum durch und bin Fix und fertig. Im Museumsshop gibt es leider nichts, was mich interessieren könnte. Ich stapfe durch den Schnee zu einem Lebensmittelladen, um erst einmal noch für den Abend einzukaufen. Etwas Bier für den ruhigen Schlaf, Brot, etwas Wurst und Schokolade. Ich bin da sehr einfach in der Wahl. Im Hotel angekommen falle ich erst einmal auf das Bett. Es ist nach vier. Die Kremelmauer und Gagarin kann ich vergessen. Auch das Poytechnikum. Ich bin einfach nur noch fertig. Die Ereignisse der letzten Tage und die Zeitumstellung fordern ihren Tribut. Eigentlich habe ich alles erreicht, was ich wollte. Also so schlecht sieht es nicht aus. Ich leg mich erst einmal aufs Ohr. Gegen 19 Uhr ziehe ich dann doch noch einmal los. Ich fahre mit der Metro in die Innenstadt zum Arbat. Tatsächlich komme ich auch an. Überall ist ein Gedränge und Unmengen von Menschen. Man, es ist nach 20 Uhr und alle Geschäfte haben auf. In einem kleinen Musikgeschäft lasse ich mich beraten, in englisch natürlich. Der junge Mann soll mir zwei Musik-CD’s empfehlen mit „guter original russischer Pop-Musik“ als Mitbringsel für meinen Sohn. Es soll was aus Russland sein. Alles andere kann man ja überall in Europa kaufen. Er fragt mich nach allen möglichen Musikstielrichtungen aus. Woher soll ich denn das wissen?! Zu Hause höre ich radioeins und das genügt für meinen guten Geschmack. Also kaufe ich auf Glück. Und da mein Sohn mir bis heute die CD’s nicht zurück gegeben hat, nehme ich an, das ich nicht so verkehrt lag. Gegenüber im „Dom Knigi“ erstehe ich noch eine ganze Kollektion DVD’s mit Dokumentaraufnahmen über den Raketenbau. So mancher supergeheime Videoschnipsel, der bei youtube total verpixselt rüber kommt, ist hier kristallklar zu sehen. Auf dem Rückweg verfranse ich mich im Gedränge der Metro. Die Folge ist eine komplette Runde auf dem Metroring durch Moskau. Macht nichts. Schau dir mal die Menschen an, die U-Bahn, äh Metro, fahr’n. Gegen Mitternacht bin ich im Hotelzimmer, trinke mein Bier und dann ist wirklich Ende.

24. Dezember. Im Hotel Kosmos werde ich von Freunden früh verabschiedet. Sie bleiben noch länger in Moskau. Um Halbneun dann die Fahrt zum Flugplatz Scheremetjewo. Ein knurriger Fahrer, der kaum englisch spricht und mein Russisch – na ja…. Er fährt nicht über die Autobahn, sondern quer durch die Vororte. Man sieht mal eine andere Seite von Moskau’s Randbezirken. Der Berufsverkehr ist voll im Gange, oder eigentlich sind die Straßen immer so verstopft. Der Fahrer fährt „mit der Brechstange“. Rücksichtslos wird jede Lücke ausgenutzt, wird jeder andere Verkehrsteilnehmer gnadenlos abgedrängt. Nein – keine Kritik. Alles bestens! Mit normaler Fahrweise würden wir nie zum Flughafen kommen. Ich bin pünktlich. Es folgt ein Chaos, was ich noch nie so erlebt habe. Aus Scheremetjewo-2 ist über Nacht Scheremetjewo-E geworden. Scheremetjewo-1 soll jetzt Scheremetjewo-B heißen, erzählt der Fahrer. Neue Abfertigungsgebäude sollen in Betrieb gehen. Gleichzeitig beginnen in Russland die Ferien. Die Maschine nach Washington wird abgefertigt. Einige Reisende nehmen offensichtlich ihren ganzen Hausrat mit, so der Eindruck. Dann fällt auch noch der Strom aus. Die Abfertigungshalle in totaler Finsternis für mehrere Minuten getaucht. Woanders wäre jetzt vermutlich eine Panik ausgebrochen. Doch es ist muksmäuschen still. Typisch für Russland? Typisch für Moskau? Ich denke an meine Erlebnisse in London oder Manchester oder Ford Meyers. Und plötzlich erscheint alles ganz normal. Hauptsache, der Flieger fliegt auch wirklich. In der Masse eine polnische Lehrerin, die auch nur nach Hause will. Sie meint, das wäre alles nichts gegen den Flughafen von Omsk. Nun, ich freue mich, dass ich in Moskau bin und nicht in Omsk! Es ist eben alles eine Frage des Betrachterstandpunktes. Mit nur anderthalb Stunden Verspätung komme ich in Schönefeld an. Der Flug selber mit Aeroflot war gut. Es sind fast alles Russen an Bord, die vermutlich Verwandte in Berlin besuchen wollen. Alles drängt sich an der Passeinreisekontrolle. Ich gehe an der Schlange vorbei direkt auf den leeren Schalter „Nur für EU“ zu. Der Beamte wirft einen flüchtigen Blick in meinen Pass und winkt mich sofort durch. Ich brülle Ihn fast an „Frohes Fest! Schön wieder zu Hause zu sein!“ Er guckt etwas verwundert. Ich meine es wirklich ehrlich. Noch ein Gang um eine Sichtblende. Ich stehe in der Empfangshalle. Die Familie ist da und ich schließe sie in die Arme. Es ist Weihnachten! Heilig Abend… !

Sollte mich jemand fragen „Wenn Geld keine Rolle spielt, würdest du noch einmal nach Baikonur fahren? In das absolute Nichts wo wirklich nichts, nichts, nichts ist?“ – ich würde sofort gegen fragen „Wann geht es los?“

===================================================================

Die materiellen Ergebnisse der Reise:

1631 digitale Bilder (3,3GB) in guter Auflösung

3,0GB Videodateien

0 Bilder auf normalen Filmmaterial

4 Briefumschläge mit Sonderstempel

1 Wimpel der Stadt Baikonur

1 Liter Vodka „Russian Standart“

mehrere (unbezahlbare) Gastgeschenke – Das ist nun wirklich Privat !

Die geistigen Ergebnisse der Reise:

Unbeschreiblich und unvergessbar !

===================================================================

Veröffentlicht Februar 7, 2010 von freundederraumfahrt in Reise- und Ereignisberichte

%d Bloggern gefällt das: