Moskau * Koroljew * ENERGIA * Kaluga * 09.2008

Ladeburg, 05.02.2010
veröffentlicht unter http://www.freunde-der-raumfahrt.de , 2008

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Reisebericht „Moskau vom 07.09.2008 bis 11.09.2008“
von Andreas Weise

Lieber Leser!

Mit der Zeit verblast die Erinnerung.
2008 war ich zum ersten Mal im Sternenstädtchen. Da trafen wir uns zum ersten Mal, ohne zu ahnen, 15 Monate später nach Baikonur zu fahren. Damals dachte keiner an einen Reisebericht oder ähnliches. Trotzdem möchte ich der Vollständigkeit halber, auch aus der zeitlichen Entfernung heraus, einige Erinnerungen stichpunktartig in die Maschine ein klimpern. Ich versuche mich kurz zu fassen. Ich selber bin nur durch Zufall auf diese Reise aufmerksam gemacht worden. Und zwar in einem Gespräch am Rande der 11. Raumfahrttage in Morgenröthe-Rautenkranz. Dort erzählte mir jemand von einer Anzeige in der Fliegerrevue zu dieser Reise. Also angerufen und noch einen Reiseplatz ergattert.

7. September 2008, Mittags in Schönefeld. Die Gruppe trifft sich. Man sieht sich das erste Mal. Mit uns fliegt Dr. Sigmund Jähn, der uns durch das Sternenstädtchen führen soll.

Flug mit Aeroflot-Airbus A319 nach Moskau Tscheremetjewo-2. Man denkt bei Aeroflot an alte Tupolews oder Iljuschins und ist erstaunt, dass es der selbe Airbus ist, mit dem selben engen Sitzreihen und dem selben Plastikessen, wie bei Lufthansa, Air Berlin und Co..

Moskau-Einreise. Lange Schlangen, streng dreinschauende Beamte, kein Wohlfühlklima. Danach fahrt mit dem Bus zum Hotel Kosmos an den Prospekt Mira gegenüber der Metrostation WDNH und dem Kosmos-Denkmal. Wir fahren durch Neubausiedlungen. Mitten drin auf der rechten Seite das Panzersperrendenkmal. So weit waren die deutschen Truppen bis Moskau im Zweiten Weltkrieg vorgerückt. Ich versuche mich zu erinnern: 1972 war ich schon einmal hier. Da war das aber alles irgendwie mitten im Wald und kein einziges Wohnhaus zu sehen. Wir lesen die Werbeschilder: Hochtief, Ikea, Mediamarkt, Obi, McDonalds und andere sind auch schon da.

Ankunft im Hotel Kosmos und einchecken. Der hoteleigene Sicherheitsdienst ist allgegenwärtig. Russland hat gerade einen militärischen Konflikt mit Georgien. Vielleicht liegt es daran. Am späten Nachmittag ist noch etwas Zeit. Ich ziehe los auf das gegenüberliegende Gelände der ehemaligen WDNCH – der ehemaligen Allunionsausstellung. Es ist Sonntag. Ganz Moskau scheint auf den Beinen zu sein. Man feiert Stadtgründung, glaube ich. Am Hauptportal werde ich gefilzt, wie auf einem Flughafen. Wie gesagt, ich war schon einmal 1972 hier. Wer die WDNCH noch von (ganz) früher kennt, wird begeistert sein, dass an den Zuckerbäckerfassaden der Gebäude keine Bilderstürmerrei nach 1990 gemacht worden ist. Alle Insignien der ehemaligen Sowjetunion sind noch vorhanden und der goldene Brunnen mit den 15 Schwestern (symbolisieren 15 Sowjetrepubliken) erstrahlt nach wie vor im goldenen Glanz.

Auf mehreren Bühnen ist Programm. Durch den Lautsprecher erschallt eine männliche Gesangsstimme. Der Mann hat offensichtlich vorher mir Risszwecken gegurgelt und erinnert stark an Vladimir Vysotsky. Wer den nicht kennt: Bei Youtube gibt es noch einige Stücke von ihm zu sehen und vor allem zu hören.

Am Ende der breiten Allee ist der Kosmos-Pavillion. Davor stehen in Eintracht eine TU-154 und eine Jak-42. Beim näheren Hinsehen stelle ich fest, das der optische Zustand der beiden Exponate doch sehr schlecht ist. Wind und Wetter haben den hier seit Jahren stehenden Flugzeugen stark zugesetzt. Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch keiner, dass die TU-154 nur sechs Tage später am hellerlichten Tage in einer Handstreichaktion an Ort und Stelle verschrottet wird. Wer Bilder sehen will, suche bei google unter den Schlagworten „TU-154, WDNCH“ oder „CCCP 85005“. Ich enthalte mich jeder Bewertung, ob die Verschrottung technisch notwendig war. Tatsache ist, das jetzt Moskau ein Wahrzeichen weniger hat. Es ist zum Heulen! Übrigens sei bemerkt: Es stimmt nicht, dass die Tupolew schon seit dem Ende der 60er dort steht. 1972 stand an der selben Stelle eine TU-134 (und zwar die CCCP 45075) und eine Jak-40.

Hinter den zwei Flugzeugen ist eine Wostok-Trägerrakete aufgebaut. Irgend etwas ist anders, als in meiner Erinnerung von 1972. Zu Hause werde ich Bilder vergleichen und feststellen, dass der Transportschlitten der Wostok jetzt ein anderer ist. Die Rakete war also mal vom Sockel. Der optische Zustand ist nicht besser als der der Flugzeuge. Graffiti-Schmierereien am stolz der sowjetischen Kosmonautik. Einige jugendliche Väter müssen offensichtlich zeigen, was für tolle Kerle sie sind, in dem sie bis auf den Transportschlitten hoch klettern. Keiner hindert sie. Die Miliz ist vermutlich gerade mit wichtigeren Dingen beschäftigt. Ich sitze auf den Stufen des Kosmos-Pavillions und sehe dem Treiben zu. Plötzlich bietet sich die Möglichkeit, einen Blick in das Innere zu werfen. Der Wachschutz und einige Arbeiter öffnen kurz das Tor. Das Innere ist „besenrein“. Kein Lager, keine Abstellfläche, nichts! Nur Leere. Zum Fotografieren komme ich leider nicht. Die Herren haben etwas dagegen und ich möchte nicht gleich am ersten Tag streiten. Das Gebäude scheint von außen in einem nicht sehr guten Zustand zu sein. Zu mindestens, wenn man genauer hinschaut. Zur Gebäudeerhaltung muss da bestimmt einiges investiert werden. Ich bin stink sauer, dass all die Exponate weg sind. Erst im darauf folgenden Jahr werde ich mit der Kosmos-Ausstellung am Raketendenkmal etwas versöhnt. Aber bis dahin ist es noch weit. Es wäre prima, wenn die WDNCH wieder ein Repräsentationsplatz für die Errungenschaften des modernen Russlands werden würde. Aber da spielt bestimmt nicht nur der Wille, sondern auch das Geld eine große Rolle. Aber man wird ja mal träumen dürfen.

Über einen Seiteneingang zum Gelände gehe ich in ein Neubauwohngebiet. Wie in Berlin Hellersdorf – nur die Häuser sind viel höher gebaut. Fotoapparat ist in der Jackentasche und auch sonst bin ich nicht als Tourist erkennbar. Ich laufe bis zum Fernsehturm Ostankino. Es ist bereits dunkel, aber der Himmel ist klar. Ein schöner Anblick. Dann geht es zu Fuß die Straße (Prospekt Mira ?) zum Hotel Kosmos zurück. Das ist nicht zu übersehen, da es mit hunderten blitzenden Lichtern geschmückt ist. Ich könnte jetzt die Hochbahn nehmen, die dort neu gebaut ist. Aber ich bin noch unsicher mit den Örtlichkeiten und so laufe ich lieber. Es ist bereits Mitternacht und ich finde auch tatsächlich mein Zimmer in diesem riesigen Hotelmolloch wieder. Zuvor habe ich noch eine Diskussion mit dem Wachdienst, der mich nicht zum Fahrstuhl lassen will, weil ich meinen Hotelausweis nicht sofort zücke. Ich werde es mir merken.

Nächster Morgen. Frühstück im großen Hotelrestaurant. Ein großes Buffet ist aufgebaut. Danach geht es zum Bus und auf den nördlichen Autobahnring in Richtung Nordosten. Es geht durch Vororte. Irgendwann ist rechts ein Flugplatz und plötzlich ist die Straße zu Ende. Sackgasse auf einem Parkplatz. Wir müssen ein wenig warten und dann ist Dr. Sigmund Jähn da. Ein Schlagbaum, es ist nur ein rot-weiß gestrichener dünner Baumstamm, wird hoch gedrückt. Der Posten muss den Mast per Hand etwas biegen, damit unser Bus mit den weit ausladenden Rückspiegeln vorbei kommt.

Ich will mich jetzt nicht im Detail über die besuchten Räumlichkeiten auslassen. Jeder, der das Sternenstädtchen besucht, soll selber das Erlebnis von „Ah“ und „Oh“ haben. Daher weiter im Telegrammstiel.

Erster Stopp am Gagarin-Denkmal. Man bittet zum Gruppenbild.

Besuch der Trainignsmodelle MIR und QUANT. Dr. Jähn erklärt unter anderem auf Nachfrage sehr geduldig und mit Witz die Funktionsweise der Weltraumtoilette. Alles einfach und funktionell logisch. Warum gibt es bloss bei der ISS dazu Probleme?! Dann geht es in eine Halle mit zwei Simulatoren für Sojus TMA. Einer ist gerade in Funktion. Nach kurzer Belagerung des Souvenir-Ladens geht es zur Zentrifuge. Diese ist in Betrieb, wird aber dann angehalten. Kaum steht die Anlage, dürfen wir in den Innenraum. Kurz nach uns kommt eine amerikanische Besuchergruppe. Als diese mitbekommen, dass da ein echter Kosmonaut ist und dann noch aus Germany, muss unser Gastgeber erst einmal für mehrere Gruppenbilder zur Verfügung stehen. Weiter geht es zum Aquadom oder Hydrolab genannt. Hier werden Ausstiege in den freien Weltraum in einem Wasserbecken simuliert. Wir erfahren viele technische Details. So die Simulation von Tag und Nacht. Dann kommt unverhofft Juri Gidsenko, einer der Chefausbilder vorbei, um Sigmund Jähn zu begrüßen. Er trägt sogar noch seine Fliegerkombi.

Weiter geht es in das Museum des Sternenstädtchens. Es gibt eine Fundgrube von Artifakten der sowjetischen und russischen Raumfahrt zu bestaunen. Letzte Station, das „Haus der Kosmonauten“. Dann ist Mittagessen. Davor stehen aber noch einige Trinksprüche an. Wir sind in Russland zu Gast und da ist das halt so Sitte. Es geht anschließend nicht gleich zum Bus. Die Sonne scheint, es ist warm. Dr. Jähn geht mit uns um den See, zeigt uns, wo sein Büro als ESA-Mitarbeiter war. Er erzählt einige persönliche Dinge, Erfahrungen und Begebenheiten im Sternenstädtchen. Wir erahnen ein kleines Bisschen vom Leben hier. Ohne Ihn wäre dieser Besuch bestimmt etwas „trockener“ und „nüchterner“ verlaufen. Es war doch schon bewegend, wie viele Menschen ihn persönlich begrüßt haben. Und diese Herzlichkeit ist dann auch bei uns spürbar gewesen. Am Gagarin-Denkmal verabschieden wir uns. Vielen Dank! Es war ein unvergessliches Erlebnis. Wir fahren los. Er bleibt noch.

Die Fahrt geht nach Koroljow, dem ehemaligen Kaliningrad. Nicht zu verwechseln mit dem Kaliningrad, ehemals Königsberg. Unserer Fahrer meint, über die Autobahn ist kein Durchkommen. Also fährt er einige „geheime Wege“ und „Abkürzungen“ durch den Wald quer durch Datscha-Siedlungen und Dorfstraßen. Dann ist er auch plötzlich in der Stadt – und im Stau. Es ist Montag Nachmittag. Verkehrschaos. Das Wahrzeichen von Koroljow ist gerade abgebaut und wird restauriert, ein Monoment einer R1-Rakete, der Nachbau der deutschen A4. Wir sehen riesige Industrieanlagen, Bürohäuser mit vielen Sat-Antennen und Parabolspiegeln, Neubaublöcke ala Marzahn. Alles aber etwas größer. Irgendwann sind wir aus dem Stau ausgeschert und stehen vor dem Mission Control Center. Das ist das Gegenstück zum Flugleitzentrum in Housten, Texas. Erbaut wurde die Anlage Mitte der 70er Jahre zum Sojus-Apollo-Programm. Es ist nicht ganz einfach, hier herein zu kommen. Unsere Passnummern und Namen werden mit langen Listen verglichen. Es herrscht Foto-Verbot bis auf Widerruf. In den Kontrollsälen können wir später dann aber sogar filmen. Uns werden zwei Kontrollsäle gezeigt. In dem einem wurden die Salut- und Mir-Flüge geführt. In einem Zweiten hat man Kontakt zur ISS. Gerade hat die amerikanische Seite Schicht. Man wechselt sich ab. Der Tag geht zur Neige. Wir fahren in einen Randbezirk und sind eigentlich auf dem Dorf. Typische Holzhäuser, wie man sie aus alten russischen Filmen kennt. Mitten drin ist unser Hotel. Es ist ein Neubau. Davor steht übergross Lenin. Offensichtlich hat man die Statue „gerettet“ und hier „zwischen geparkt“. Abends machen wir noch einen kleinen Spaziergang, aber sehr weit kommen wir nicht. Außerdem ist es bereits Nacht und finster. Das Hotelpersonal besteht fast ausschließlich aus blutjungen Leuten. Die mühen sich, aber man merkt, das doch die Erfahrung noch fehlt. Aber das ist uns egal. An diesem Abend wird die Frage diskutiert: Können wir uns einen Raketenstart in Baikonur ansehen? Die Antwort wird sich 15 Monate später ergeben.

Der nächste Morgen. Wetterumschwung. Mit dem Bus geht es wieder nach Koroljow hinein.
Bei strömendem Regen stehen wir vor dem Tor des Raumfahrtkonzerns ENERGIA. Das ist der „Erbe“ des berühmten Konstruktionsbüros „Koroljew“. Hier werden unter anderem die Sojus-Raumschiffe hergestellt. Es dauert lange, bis wir auf den Hof fahren dürfen und noch länger, bis alle Papiere geprüft sind. Dann dürfen wir das Werksmuseum besichtigen. Dieses Museum ist kein öffentliches Museum, sondern Bestandteil des Konzerns ENERGIA. Insofern ist es schon toll, das wir hier sind.

Die Dame vom Museum zeigt uns Räume mit unzähligen Vitrinen. Besonders interessant ist die Darstellung des Wirkens von S. P. Koroljow. Ich will das hier nicht weiter ausdehnen. Der absolute Höhepunkt kommt ja erst noch. Die große Halle! Hier stehen neben einigen Modellen auch ganz einmalige Stücke: Raumkapseln wie zum Beispiel: Wostok 1 und 6, Woschod 1 und 2, Sond und Sojus. Ein Eldorado für alle Raumfahrt-Technik-Fans, die einmal die Originale sich anschauen wollen. Einige Exponat-Beschriftungen erscheinen mir etwas sonderbar um nicht zu sagen unglaubwürdig. Aber das ist nur eine kleine Nebensache. Die Originale sind Original. Zurück zum/im Hersteller(werk)! An dieser Stelle bitte Achtung: Im Internet sind verschiedene Bilder von diesem Saal zu sehen. Immer in einer anderen Ausstattung. Vermutlich wird hier regelmäßig im Laufe der Zeit umgeräumt. Ich hätte noch Stunden dort zubringen können, aber die Zeit ist begrenzt – leider. Für mich zu knapp. Es geht mit dem Bus durch den moskowiter Straßenverkehr, oder besser durch das Straßenverkehrschaos in Richtung Hotel. Unterwegs eine Kleinigkeit essen. Wo glauben unsere Gastgeber eine westliche Touristengruppe am besten satt zu bekommen? Bei McDonalds ! Vielleicht herrscht hier auch das Vorurteil, dass alles, was über den großen Teich kommt, toll sein muss. Ich finde es jedenfalls grauenhaft.

Am Nachmittag geht es dann in das Wohnhaus von S. P. Koroljow in Moskau. Eigentlich hätte man vom Hotel laufen können. So weit ist es nicht entfernt. Die Villa liegt in einem tief grünen Garten mit vielen Bäumen inmitten einer Neubauhäuserschlucht. Als dieses Haus gebaut wurde, war hier bestimmt nur Feld und Wiesen. Irgendwann hatte aber die Trabantenstadt das Anwesen geschluckt. O.K. Wir erfahren viel Privates über Koroljow, über die Liebe zu seiner Frau u.s.w.. Alles sehr emotional gehalten. Die Wohnungseinrichtung entspricht meinen Vorstellungen. Hier hat ein große, wichtige Persönlichkeit in den 1960er Jahren gelebt und gearbeitet. Die Räumlichkeiten eines Chefkonstrukteurs. Keine Frage. Nichts außergewöhnliches. Alles sieht so aus, als ob S.P. nur mal kurz außer Haus ist und gleich zur Tür herein kommt. Dann gibt es doch noch einen (klitzekleinen) Zwischenfall. Jemanden fällt auf, dass im großen Zimmer ein Röhrenradio der Firma TELEFUNKEN steht. Die Museumsführung hat eine schnelle und überraschende Erklärung für das Teil: „Sergej Pawlowitsch hat deutsche Technik geliebt… !“ Wir schauen uns alle an und wissen nicht so recht, ob wie grinsen, schallend lachen oder besser die Klappe halten sollen. Einer bricht das Schweigen und erzählt, man wisse wohl, wo das Radio herstammen könne. An dieser Stelle erspare ich mir, etwas von Bleicherode, Institut RABE, einem kirschfarbenen HORCH und anderen Dingen zu schreiben. Wenn der Leser neugierig ist, braucht er blos in Koroljow’s Biographie zwischen 1945-46 herum stöbern. An diesem Ort dazu etwas zu sagen, war wohl nicht unbedingt supertaktvoll von uns. Zumindestens war an diesem Tag die Zeit noch nicht reif dafür, ungezwungen darüber zu reden. Meine persönliche Einschätzung.

Danach geht es wieder zum Hotel per Bus. Ich habe fast den Eindruck, unsere Begleiter wollen uns im Bus sicher die paar hundert Meter transportieren, weil sie Angst haben, uns könne bei dem Verkehrsgetümmel da draußen was passieren.

Am Abend ziehen einige noch einmal los. Abenteuer METRO. Ich kann kurz den Roten Platz überschreiten, die Basiliuskathetrale umrunden und zum Arbat bis zum Dom Knigi laufen. Die Stadt ist voller Menschen. Metro fahren um Mitternacht und es ist voll wie zum Berufsverkehr.

Am nächsten Morgen geht es per Bus auf eine Mehrstundenfahrt nach Kaluga. Die Straße ist sehr holprig. Es sieht nach Regen aus. Ab und zu ein Milizposten, der Autofahrer kontrolliert. Auch unser Bus ist einmal dran. Keinen Kommentar dazu … . Das Gebiet um Kaluga war zur Zarenzeit ein beliebter Verbannungsort, um Adlige aus Moskau loszuwerden. Ja, wenn ich mich so umsehe, könnte ich mir das schon gut vorstellen.

Unsere Begleitung erzählt zur Aufheiterung eine schöne Geschichte: Ein hoher Funktionär hatte im Kalugaer Gebiet Gäste zur Bärenjagd eingeladen. Problem: Es gab keinen einzigen Bären zu dieser Zeit. Also wurde ein alter Zirkusbär, der seine Zeit gehabt hatte, eingeflogen und freigelassen. Dieser dachte aber gar nicht daran, im Wald den wilden Bären zu spielen, sondern ging dorthin, wo er sein ganzes Leben verbracht hatte. Zu den Menschen. Genauer gesagt, er marschierte durch ein Dorf, verursachte eine Panik und … fand ein Fahrrad. Da erinnerte er sich an seine Zeit im Zirkus und fuhr mit dem Fahrrad los. Der ganze Schwindel mit dem „wilden“ Bären flog so auf. Ach ja ! Eine wirklich schöne Geschichte !

Der Himmel ist noch immer bedeckt, als wir in Kaluga eintreffen. Es geht kurz zum Denkmal von Koroljow zum Fototermin und dann zum Haus von Zilokowski. In einer sehr detailverliebten Führung erfahren wir so manches Unbekannte zum „Vater der russischen Raumfahrt“. Über seine Tätigkeit als Lehrer, seine selbst entworfene und gebaute Treppe, die verschiedenen Formen und Arten von Höhrrohren, sein Bett, seine Wohnstube, sein Kachelofen…… u.s.w, u.s.w, u.s.w. (!). Spätestens an (mutmaßlich) seinem Fahrrad entzündet sich die Diskussion, ob den der uralte Drahtesel auch wirklich Zilokowski gehört haben könne oder nicht zehn Jahre später erst gebaut wurde.

Der Leser wird sich an dieser Stelle bestimmt frage: Was hat das alles mit Raumfahrt zu tun? Genau! Diese Frage stelle ich mir in diesem Moment auch. Unsere Reiseleitung hat offensichtlich völlig verkannt, wer da reist und was die (wir) wirklich sehen wollen. Man hätte etwas ausführlicher darüber berichten können, was denn nun die wirklich bahnbrechenden Erkenntnisse von Zilokowski gewesen sind. Er , der der wichtige Grundlagentheoretiker gewesen ist. Wer bei ihm ein und aus gegangen ist: Zander, der junge Koroljow etc. Der gute Mann trotz seiner räumlichen Abgeschiedenheit auch Kontakt zu anderen wichtigen Größen der Raumfahrtentwicklung gehabt hat.

Ich ziehe allein weiter. Hinter mir wird noch über das Fahrrad debattiert. Ich entdecke eine Vitrine mit der Korrespondenz zwischen Zilokowski und Hermann Oberth. Da ist das, was viele nationale Geschichtsschreiber immer vergessen wollen, egal ob sie in Deutschland, den USA, England oder Russland sitzen. Die großen Denker und Genies standen teilweise in Kontakt zueinander und haben sich ausgetauscht. Insofern ist es immer irgendwie albern, die Diskussion zu führen „…Wer hat’s erfunden?…“ Alles baut aufeinander auf. Eine kleine Empfehlung: Professor Boris Rauschenbach, einer der Hauptakteure der sowjetischen Kosmonautik, hat eine Biographie über Hermann Oberth geschrieben. Dort ist die Korrespondenz zwischen Zilokowski und Oberth auch inhaltlich dargestellt. Oberth hat zum Beispiel viel Mühe verwendet, den Brief auf einer Schreibmaschine mit kyrillischen Buchstaben schreiben zu lassen.

Unsere Reiseleitung drängelt, wir müssen zurück nach Moskau. Jetzt steht nun wirklich die Revolution, oder besser die Revolte, kurz bevor. Nur hundert Meter entfernt ist das „Staatliche Museum der Geschichte der Kosmonautik“ und wir sollen abfahren! In letzter Minute kann der Aufstand abgewendet werden. Wir haben eine Stunde Zeit bekommen, nur eine Stunde! Keine Führung! Die brauchen wir aber auch nicht. Die Exponate sprechen für sich. Die Dame von der Museumsaufsicht ist sehr verständnisvoll. Nach freundlichem Fragen kann ich hinter die Absperrung und die Landekapsel von Wostok-5 im Detail fotografieren.

Später wird dieser Vorfall bei TUK ausgewertet und bestimmt werden Schlussfolgerungen für die nächsten Raumfahrt-Spezialreisen gezogen. Man lernt ja nie aus. Und „Raumfahrt-Verrückte“ wollen in der knapp bemessenen Zeit eben nicht hauptsächlich Folklore und Kirchen sehen, sondern die technischen Dinge, die man sonst nur aus Büchern kennt. Es geht zurück nach Moskau. Der Weg ist weit. Wir halten kurz unterhalb der Lomonossow-Universität an den Leninbergen. Der allgemein bekannte Postkartenblick auf das Olympiostadion von 1980 und die Stadt vor uns.

Dann steht auf dem Programm Bootsfahrt auf der Moskwa und offizielle Verabschiedung. Die Russen legen auf so etwas eben mehr Wert als wir. Mir hätte eine kleine Tafel im Hotel gereicht. Aber Moskau ohne Fahrt auf der Moskwa ist offensichtlich nicht möglich. Es regnet. Nein, es gießt in Strömen. Wacker stampft unser Ausflugsdampfer durch die etwas stürmische Moskwa. Innen steht ein reichhaltiges Buffet bereit. Es ist ein schöner, versöhnlicher Ausklang. Und für das Wetter können unsere Gastgeber ja nichts… .

Es ist später Abend. Wir sitzen in der Hotelbar im obersten Stock und ich trinke vermutlich den teuersten Vodka meines bisherigen Lebens. Die Preise sind gepfeffert. Aber man ist ja nur einmal da. Glauben wir zu diesem Zeitpunkt.
Am nächsten Morgen ist dann fast alles vorbei. Frühstück, die Fahrt nach Tscheremetjewo, einchecken, Duty free shop inspizieren und dann ab in den Airbus von Aeroflot nach Berlin Schönefeld. Dort zerstreut sich unsere Gruppe sehr schnell.

Wer hätte geahnt, dass einige sich 15 Monate später nach Baikonur aufmachen?! Ich ziehe mit meinem kleinen Gepäck zum Bahnhof und warte auf den Regional-Express. Wie ruhig und geradezu provinziell ist das alles hier. Für die paar dutzend Kilometer von Schönefeld nach Bernau brauche ich fast so lange, wie für den gesamten Flug.

Es war schön – die Reise!
Sie war toll!
Sie war einmalig!
Und es ist schön, wieder zu Hause zu sein!

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Zum Schluss:

Der Leser fragt sich jetzt bestimmt:
Und?
Soll ich nun so eine Reise machen?
Wie immer, dass muss jeder für sich allein entscheiden. Solche Reisen sind keine herkömmlichen Pauschalreisen, wo man anschließend den Reiseveranstalter verklagen kann, weil der Bus nicht die richtige Farbe hatte oder vor dem Hotel gerade gebaut wurde. Vieles läuft sehr dynamisch, manchmal sogar spontan ab. Lassen Sie sich also nicht abschrecken, wenn ich hier auch von kleinen Pannen und Unzulänglichkeiten berichtet habe. Perfekt ist so etwas nie. Und das macht doch eigentlich auch den Reiz einer solchen Reise.
Haben sie dann noch das Glück, mit tollen Menschen, wie zum Beispiel Dr. Sigmund Jähn, zusammen zu treffen, dann wird das garantiert unvergesslich. Das können sie nun wirklich nicht kaufen, buchen oder sonst wie erzwingen.
Wer sich für die sowjetisch-russische Seite der Raumfahrtgeschichte interessiert, dem sei so eine Tour unbedingt empfohlen. Bereiten Sie sich auf diese Reise vorab etwas vor und reden Sie auch mit Ihrem Reiseveranstalter. Nur so kann der im Voraus wissen, was Sie wirklich erwarten. Ich hatte das (sehr große) Glück, mit vielen Raumfahrt-Begeiserten, anderer würden sagen: Raumfahrt-Freeks, Raumfahrt-Verrückte, Raumfahrt-Besessene, oder einfach nur mit technisch interessierten Menschen in der Gruppe zu reisen.
Wenn diese Chemie stimmt, dann steht einem tollen Erlebnis nichts mehr im Wege.

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Veröffentlicht Februar 2, 2010 von freundederraumfahrt in Reise- und Ereignisberichte

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